Die Haare und das fehlende Gesicht
>Dies als geflochtene Haare zu betrachten, finde ich „an den Haaren herbeigezogen“! Denn warum sollte so eine Frisur so weit ins Gesicht reichen, dass es fast das ganze Gesicht bedeckt?<
Nun, die Frage wurde a) einmal weiter unten im Text selbst beantwortet:
>Die Tatsache, dass diese „Venus“ kein Gesicht hat, wird sicher damit zu tun haben, dass es sich nicht um die Nachformung oder Darstellung eines Individuums handelt, sondern dass ein Prinzip dargestellt werden soll.<
Dann b), wenn es etwas anderes wäre, "eine Art Kappe oder Mütze" wie vermutet, wäre es e b e n s o absurd, die über das Gesicht gezogen darzustellen, wie wenn es sich um Haare handelt.
Weitere Interpretationen dazu kann man sich zu Hauf ausdenken. Zum Beispiel, dass die Venus kein Gesichtsfeld braucht, weil ihr "Blick" nach innen gerichtet ist (Spiritualität) weil sie im Dunkeln (im Schoß der der Erde) lebt... ect, pp...
>Und selbst wenn es keine Kappe oder Mütze wäre und die Haare in Flechten gebündelt wären, dann hat doch auch dies eine bestimmte Bedeutung.[...] Wichtig ist, dass sie nicht frei wallend sexuell verführend und nicht auf das sexuelle Interesse dieser Frau hinweisend sein sollen.<
Meines Erachtens eine unzulässige Verallgemeinerung. Sicher ist es in vielen Kulturen zu beobachten, das offenes Haar für sexuelle Freiheit steht, aber das ist nicht immer und überall so der Fall. Besonders nicht in Kulturen, in denen die äußeren Bedingungen offenes, langes Haar nicht zulassen. (Läuse und anderes Ungeziefer, Gefahr in bewalden Gebieten in Zweigen hängen zu bleiben, ect.)
Die These läßt sich auch leicht mit dem Umkehrschluß entkräftigen: Alle weiblichen Figuren (Bilder oder Plastiken) der Steinzeit, die explizit im sexuellen Kontext dargestellt werden, müßten langes Haar haben. Dem ist aber nicht so.
Zudem gibt es steinzeitliche weibliche Idole, die die selbe Fettleibigkeit aufweisen wie die Venus von Willendorf - aber lange Haare haben.

(So z.B. die Venus von Laussel).
Hier zeigt sich für mich besonders, dass eine Deutung der "Venus von Willendorf" - will diese Deutung nicht nur oberflächlich irgendeine These belegen - mit kulturhistorischen und kunsthistorischen Mitteln angegangen werden sollte, um sinnvoll zu sein.
>Nun stellt sich natürlich die Frage, warum eine Frau ihre Haare verstecken muss.<
Ein Zirkelschluß, der nur gilt, wenn sie ihre Haare wirklich versteckt, was mehr als unsicher ist.
>Um diese Frage zu beantworten, muss man wissen, dass den Haaren bei vielen indigenen Völkern eine besondere Bedeutung zukommt. Oft wird langes und wallendes Haar als Zeichen der Spiritualität betrachtet. <
(Und ich dachte immer, das sei erst in der Eso-Szene aufgekommen.

)
Ja, bei _vielen_ indigenen Völkern, aber nicht bei allen. Dort wo kein „langes und wallendes Haar“ möglich/gewünscht war, wurde/wird Spiritualität auch anders ausgedrückt, z.B. durch einen besonderen Kopfschmuck. (z.B. Federn, Geweihe, Kronen, ect.)
Und wie gesagt, wer weiß, was das auf dem Kopf der Venus ist: Vielleicht ist es ja geflochtenes Haare oder eine Haube die als ein besonderer Schmuck galt, der vielleicht genau das aussagt: Die besondere spirituelle Stellung der Venus.

)
>Außerdem haben besonders die Haare der Frau eine nicht zu unterschätzende sexuelle Bedeutung und Wirkung. [...]. Warum sollte also ein typisches weibliches Merkmal einer sexuell aktiven Frau verdeckt werden?<
Auch wieder eine unzulässige Verallgemeinerung, bzw. Projektion unseres Kulturkreises und unserer Zeit auf andere Kulturen. Gehen wir mal davon aus, die "Venus" ist vom afrikanischen/südländischen Typus mit Kräuselhaar. In dem Fall ist "langes und wallendes" Haar unmöglich, das geht erst seit der Erfindung des chemischen "Entkräuselers". (Was für ein "Mopp" jemandem mit langem Kräuselhaar wächst, kennen wir aus der Hippiezeit.

) Wenn dieses Kräuselhaar jedoch kurz oder geflochten ist, dann kann das bei einer steinernen Plastik abstrahiert genau so dargestellt werden, wie es bei der "Venus" der Fall ist: Als kleine Knübbelchen.

Noch mal, rasiertes, verdecktes oder kurzes Haar als Unfreiheit und mangelnde Spiritualität /Sexualität zu deuten, mag auf manche Kulturen und Epochen zutreffen, darf aber wieder nicht verallgemeinert werden. So haben z.B. manche Indianerstämme am Amazonas eine "Tonsur". Alle: Sowohl sexuelle attraktive Frauen, als auch spirituelle aktive Schamanen/Schamaninnen.
In unserem Kulturkreis wurde das Haar einer sexuell aktiven Frau übrigens verdeckt! Während (Schleier), und nach der Heirat (mit allen mögliche Arten von Hauben und Kopftüchern). Das heißt nicht, das die Frau nicht sexuell aktiv war, im Gegenteil, das war der Lebensabschnitt der Frau, in dem sie Kinder gebar, im Gegensatz zum jungfräulichem, d.h. asexuellem (!!!) Lebensabschnitt mit "wallendem" Haar.
Das Fehlen der Füße
>Alle Figuren aus dieser Epoche haben keine Füße. Ferner ist auffallend, dass auch die Unterschenkel sehr schwach sind und den schweren Körper der Frau kaum mehr tragen können. Das Fehlen der Füße und die schwach ausgeprägten Unterschenkel können kein Zufall sein, sondern haben eine Bedeutung und sind offensichtlich beabsichtigt in dieser Weise dargestellt.<
Da stimme ich zu - ich meine auch, dass es nicht Zufall, sondern die Intention des Künstlers war. Sollte der Leib "Fülle" darstellen, dann wären nur der Leib wichtig, die Extremitäten nicht. (Immerhin sind die Arme auch alles andere als naturalistisch dargestellt. Ich vermute, weil sie im Bedeutungszusammenhang nicht wichtig waren.)
>Wie man eine Statue ohne Füße als die Verkörperung der Mutter Erde betrachten kann, das ist mir unverständlich! <
Mir gar nicht. "Mutter Erde" braucht keine Füße, da sie sich nicht bewegen muß. Sie ruht - wie das Element Erde – auf einem Fleck, und ist nicht wie Wind, Wasser und Feuer ein "bewegtes" Element. (imaginierte Szene: Die dicke Mama als ruhender Pol der Familie/ des Stammes joggt nicht umher, sondern Leute kommen zu ihr.

)
So, das bis hierher, ich bin mal gespannt auf den zweiten Teil des Artikels!

P.S.
>Die Haarsträhne, die hinten hervor kommt, weist darauf hin, dass diese Frau zwar Haare hat, die jedoch durch die Kopfbedeckung verdeckt werden sollen.<
Was für eine Haarsträhne kommt denn irgendwo hintern hervor? Ich sehe da nix.