Autor Thema: Was sind (für euch) mystische Erfahrungen?  (Gelesen 24190 mal)

Wælceasig

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Re: Was sind (für euch) mystische Erfahrungen?
« Antwort #16 am: 09. Oktober 2007, 16:48 »
Äh... ja... Bin heut' wohl etwas langsam im Denken...  :sneaky:

LaChatte

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Re: Was sind (für euch) mystische Erfahrungen?
« Antwort #17 am: 09. Oktober 2007, 16:52 »
Kurz: mystische Erfahrung ist für mich: Peak-Experience, die etwas bewirkt.
/>

/>Ich frage mich gerade, ob es mystische Erfahrungen geben kann, die nichts bewirken? Oft ist es ja der Fall, dass Menschen nach einer (oft spontan eingetretenen, nicht gesuchten) mystischen Erfahrung alles tun, um bloss nie wieder etwas damit zu tun zu haben... oder sie brauchen sehr lange, manchmal Jahrzehnte, bis sie die Sache verarbeitet haben und auch etwas damit anfangen können.
/>
/>Andererseits gibts zum Beispiel diese charismatischen Christen, die tanzen und in Zungen reden und solche Dinge... da habe ich aber oft das Gefühl, das sei nicht mehr als ein heftiger emotionaler Aufruhr, der aber nicht die Tiefe einer mystischen Erfahrung hat. Und deshalb auch keine besonderen Wirkungen. Und das ist dann auch nur ein kleiner Hügel, im Vergleich zum Mount Everest einer mystischen Erfahrung...?
/>
/>fragende grüsse
/>barbara

Eldkatten

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Re: Was sind (für euch) mystische Erfahrungen?
« Antwort #18 am: 09. Oktober 2007, 18:06 »
Hallo,
/>
/>ins Unreine gesprochen, deswegen bitte nicht gleich so fest schlagen ;D
/>Mir ist die Einteilung von mystischen Erfahrungen und Erlebnissen in "hochwertige" und "Eiapopeia" anhand der Frage "Was bringt bzw. bewirkt es?" ein wenig zu materialistisch. Gerade wo heute und in unserer Gesellschaft ständig alles nach Kosten und Nutzen bewertet wird. Mir scheint das dann so, als würde die Frage nach dem Sinn der mystischen Erfahrung durch die Frage nach deren Zweck ersetzt. Was unterscheidet denn dann letzlich die Feststellung, dass eine Pflanze oder ein Tier "nichts wert" sei, weil sich daraus kein Nutzen ableiten lässt - also die betreffende Existenz in einem bestimmten Rahmen keinen "Zweck" erfüllt - , davon zu sagen, dass mystische Erfahrungen und Erlebnisse ohne ganz bestimmte Folgen wertlos - oder banal - seien? Die erste Aussage wird - so hoffe ich - von den meisten hier wahrscheinlich als materialistisch abgelehnt, z.B. weil darin Konzepte wie "Schönheit" (welchem Zweck dient diese?) keinen Platz haben. Umso mehr erstaunt es mich, dass von denselben Leuten, denen ich eine solche Ablehnung der ersten Aussage definitiv zutraue, ein Konzept der Wertigkeit von mystischen Erfahrungen und Erlebnissen aufgemacht wird, in dem das Bewertungs-Kriterium sein soll, was der betreffende Mensch "daraus macht", also welchem Zweck er das Erlebnis zuführt.
/>Mal abgesehen davon, dass mich der darin kaum versteckte Materialismus (weiss nicht, ob das das richtige Wort ist, gerade wenn es um immaterielle Dinge geht; wer versteht was ich meine, hat vielleicht einen besseren Vorschlag) stört, meine ich eine solche Zweck-Begründung durch einfach weiteres Nachfragen nach dem Zweck ins Leere führen zu sehen. Wenn das Trommeln (nur) das Mittel ist, das dem Erreichen einer Trance dient (also keinen Wert ansich und in sich hat), und die Trance (nur) das Mittel, um ein Setting für ein mystisches Erlebnis zu erzeugen (also keinen Wert ansich und in sich hat), und das mystische Erlebnis dem Zweck dient, Veränderungen in meinem Leben hervorzurufen (also keinen Wert ansich und in sich hat), wäre meine nächste Frage einfach, welchem Zweck denn diese Veränderungen dienen sollen. Und dann frage ich einfach weiter, welchem Zweck der Zweck der Veränderungen dient. Erleuchtung? Spirituelle Weiterentwicklung? Wozu? Zu welchem Zweck? Entweder beisst sich irgendwann die Schlange in den Schwanz, oder die Kette der sich jeweils durch den nächsten Zweck und Nutzen legitimierenden Stufen reisst ab, weil sich irgendwann kein Zweck mehr definieren lässt. Und dann ist alles vorher nur Eiapopeia?
/>
/>Ich möchte - wie schon früher - allerdings auch zwischen "Zweck" und "Sinn" unterscheiden, denn nicht alles, was "zwecklos" ist, ist auch "sinnlos". Angenommen, ich habe ein mystischen Erlebnis, dass mir tiefe Einsicht vermittelt in den Sinn meines Lebens, mir erklärt warum mein Leben so ist, wie es ist, und möglicherweise, wohin es mich letztlich führen wird, und das mir die Gewissheit vermittelt, Teil einer grossen Einheit zu sein, das alles umfasst; dann ist das Eiapopeia, wenn ich aufgrund dessen nicht mein Leben völlig umkremple? Oder wie gross müssen denn die daraus folgenden Veränderungen sein, um als richtige mystische Erfahrung anerkannt zu werden?
/>Möglicherweise besteht der Sinn ja in nichts anderem als mir diese Gewissheit zu geben.
/>
/>Ich habe grossen Respekt vor Menschen, die aufgrund mystischer Erfahrungen - oder möglicherweise nur aufgrund einer mystischen Erfahrung - ihr Leben völlig ändern, weil ich weiss, wieviel Kraft das kostet (oder vielleicht mit einer mystischen Erfahrung im Rücken doch nicht?). Aber mich führt das nicht dazu, herabzusehen auf diejenigen, die die mystische Erfahrung, das Alleinssein, um ihrer selbst willen suchen. Ich habe gewisse Sympathien für "nutzlose" Dinge und Erscheinungen, sei es ein roter Sonnenuntergang (das könnte auch ohne dieses Brimborium kurz und präzise gehen  :wink1: ), sei es der Anblick eines durch die Luft kapriolenden Raben (während ich in derselben Zeit wesentlich nützlichere Dinge tun könnte). Nicht zuletzt hege ich grosse Sympathien für die Kunst, zuvörderst für die Musik, und etwas nutz- und zweckloseres lässt sich doch wirklich kaum denken, oder?  :)
/>
/>Schönen Gruss
/>Herbert

/>Meine Beiträge geben ausschliesslich meine persönliche Meinung wieder, nicht die des Vereins Varnenum e.V (www.varnenum.de).

Wælceasig

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Re: Was sind (für euch) mystische Erfahrungen?
« Antwort #19 am: 09. Oktober 2007, 18:46 »
Hi Eldkatt
/>
/>Deinen Materialismusvorwurf verstehe ich  nicht so ganz, weil ich da keine Parallele sehe.
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/>
Zitat
Umso mehr erstaunt es mich, dass von denselben Leuten, denen ich eine solche Ablehnung der ersten Aussage definitiv zutraue, ein Konzept der Wertigkeit von mystischen Erfahrungen und Erlebnissen aufgemacht wird, in dem das Bewertungs-Kriterium sein soll, was der betreffende Mensch "daraus macht", also welchem Zweck er das Erlebnis zuführt.

/>Vielleicht liegst daran. Ich schätze es geht nicht darum, was der Mensch mit der Erfahrung macht, sondern was die Erfahrung mit dem Menschen macht.
/>
/>
Zitat
Spirituelle Weiterentwicklung? Wozu? Zu welchem Zweck?

/>Wer darauf keine irgendwie geartete Antwort für sich hat, der sollte sich imo nicht mit Spiritualität beschäftigen. (Und tut es wohl auch nicht, oder?  :thinking:) Wobei eine Antwort natürlich auch „Hedonismus“ sein kann: Weil's halt scheee macht, äh ist.  ;D
/>
/>
/>
Zitat
Aber mich führt das nicht dazu, herabzusehen auf diejenigen, die die mystische Erfahrung, das Alleinssein, um ihrer selbst willen suchen.

/>Das hat dann nur nichts mehr mit Rivkas Definition zu tun, nach der die Erfahrung des Alleinssein zwar eine überwältigende sein mag, aber eben keine mystische ist.
/>

rivka

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Re: Was sind (für euch) mystische Erfahrungen?
« Antwort #20 am: 09. Oktober 2007, 19:41 »
Zitat
Ich schätze es geht nicht darum, was der Mensch mit der Erfahrung macht, sondern was die Erfahrung mit dem Menschen macht.
Ja, genau. Dass allerdings auch der Mensch eine Erfahrung des Alleinsseins nicht beliebig behandeln kann, ohne sie möglicherweise als mystische zu zerstören, zeigt im Grunde schon das Wort "mystisch":
/>
/>Mystik (vom lateinischen mysticus: unbeschreiblich, unaussprechlich, geheimnisvoll; von griechisch mystikos, bzw. myein: Augen und Lippen schließen) bezeichnet Berichte und Aussagen über die Erfahrung einer höchsten Wirklichkeit sowie entsprechende Suchbewegungen.
/>
/>(http://de.wikipedia.org/wiki/Mystik)
/>
/>Eine mystische Erfahrung ist also eine, über der man Augen und Lippen schliessen muss, um sie nicht zu verlieren. Wenn mir also wer von seiner mystischen Erfahrung erzählt, dann ist der kein Myste + die Erfahrung, spätestens nach dem sie erzählt wurde, nicht mehr wirklich mystisch.
/>
/>Aber ich bin genau derselben Meinung wie du, Eldkatten. Mystische Erfahrungen werden nicht gemacht, um etwas zu erreichen, auch nicht, um sie zu erzählen, aber sie können sehr wohl zum Ausgangspunkt "entsprechender Suchbewegungen" werden, wie das im Wikipadia-Eintrag so unschön heisst.
/>
/>Wenn die mystische Erfahrung den Menschen verändert, dann wird er sich weiter annähern wollen, der höchsten Wirklichkeit nämlich, und wenn er das tut, wird er sozusagen die Erfahrungsebene wechseln können oder, wie Maslow sagt, die mystische Erfahrung nicht mehr dem Zufall überlassen müssen.
/>
/>Trortdem bin ich persönlich misstrauisch mystischen Erfahrungen gegenüber, die beruhigend wirken. Die Begegnung mit dem Absoluten ist (imho) nicht beruhigend. Aber verschwommene All-Eins-Gefühle (Dem Einen ist alles Eins) können sehr beruhigend sein. (Ich würde sie nicht als mystische, sondern als regressive Erlebnisse bezeichnen - das Gefühl vorgeburtlicher Geborgenheit, ähnlich dem, das man durch sensorische Deprivation erzeugen kann.)
/>
/>Einen Unterschied zwischen "Mystik" und Mystik würde ich allerdings schon machen; Holl sagt "Eiapopoeia" dazu - und gerade diese Eiapopeia-Mystik ist es ja, die oft einem Zweck dienen soll, dem des Trostes und Beruhigens nämlich - und Robert Musil nennt sie "Schleudermystik". Bin ich also mit meinen undemokratischen Ansichten wenigstens in guter Gesellschaft (oder in einer, die ich gut finde, zumindest ;)
/>
/>Ich hoffe, das war jetzt nicht zu offtopic. Bin auch schon weg..
/>
/>
Wir würden uns für unsere Meinungen nicht verbrennen lassen: wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, daß wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.
/>
/>(Nietzsche)

Eldkatten

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Re: Was sind (für euch) mystische Erfahrungen?
« Antwort #21 am: 09. Oktober 2007, 19:59 »
Hallo Wælceasig,
/>
/>
Deinen Materialismusvorwurf verstehe ich  nicht so ganz, weil ich da keine Parallele sehe.
/>
Die Paralelle sehe ich darin, dass in einer rein materiellen Weltsicht der Wert von etwas durch den dadurch zu erreichenden Nutzen definiert wird. Also, ein Mensch "ansich" ist nichts wert; nur wenn er einem Zweck dient, der vom Materialismus als Nutzen definiert wird. Durchaus parallell dazu sehe ich die Einteilung, die hier in Bezug auf mystische Erfahrungen gemacht wird - zumindest verstehe ich das bisher so - : die Erfahrung ansich ist nichts wert* , es sei denn, sie bewirkt Veränderungen oder es wird etwas daraus gemacht.
/>(* und hier wird meiner Meinung nach ganz kräftig gewertet: "Eiapopeia", "nur Kino", oder indem man die fiktiven Vertreter der "Gegenseite" in einem möglichst dummen Jargon reden lässt: "Ey, voll krasser Trip, Alter!")
/>
/>
Vielleicht liegst daran. Ich schätze es geht nicht darum, was der Mensch mit der Erfahrung macht, sondern was die Erfahrung mit dem Menschen macht.
/>
Das klingt für mich aber auch nur nach der anderen Seite der Wertungsmünze. Was ist, wenn die betreffende Erfahrung nichts mit mir macht, was von aussen als Veränderung wahrgenommen wird? Was, wenn mich die mystische Erfahrung einfach nur etwas gelassener mit den Hindernissen des Lebens umgehen lässt? Oder "nur" meine Wahrnehmung schärft und mich Dinge und Zusammenhänge sehen lässt, die ich vorher nicht erkannt habe?. Ok, dann hat's was bewirkt, aber "reicht das" in dem hier dargelegten System der Klassierung von mystischen Erlebnissen?
/>Gehören Nahtod-Erlebnisse hierher (ich finde schon)? Ich kenne zwei, drei Menschen, die solche Erlebnisse hatten, und das weiss ich nur, weil die betreffenden Leute davon erzählten, nicht weil sie sich sonstwie irgendwie sichtbar von anderen Menschen unterschieden hätten. Das einzige, was nach meiner Wahrnehmung dadurch passiert war, ist dass die Leute weniger oder keine Angst vor dem Tod haben - die Angst vor dem Sterben bleibt davon relativ unberührt. Sie ändern ihr Leben nicht, schreiben keine Lyrik oder teilen sonstwie in besonderen Worten ihr Erlebnis mit (wobei ich glaube, dass sie viel mehr erlebt haben, als sie erzählen oder zu erzählen in der Lage sind). Waren das jetzt mystische Erlebnisse? Nach deiner Definition?
/>
/>
Wer darauf keine irgendwie geartete Antwort für sich hat, der sollte sich imo nicht mit Spiritualität beschäftigen. (Und tut es wohl auch nicht, oder?  :thinking:) Wobei eine Antwort natürlich auch „Hedonismus“ sein kann: Weil's halt scheee macht, äh ist.  ;D
/>
Diese Antwort geht aber an meiner Frage vorbei, oder? Ich habe ja nicht tatsächlich nach dem Zweck von Erleuchtung und spiritueller Weiterentwicklung - wie immer diese definiert sei - gefragt, sondern die Frage lediglich angedeutet, um zu zeigen, dass immer weiter nach dem Zweck, nach dem "Wozu", nach dem "Was macht das mit dir?" gefragt werden kann, und immer irgendwann ein Punkt erreicht wird, an dem keine sinnvolle Antwort auf die Frage nach dem Zweck mehr möglich ist.
/>
/>
Das hat dann nur nichts mehr mit Rivkas Definition zu tun, nach der die Erfahrung des Alleinssein zwar eine überwältigende sein mag, aber eben keine mystische ist.
/>
Aber erstmal nur nach rivkas - und deiner - Definition, und weil diese ja gerade den Wert der Erfahrung ansich ausschliesst. Ich möchte dann mal die Frage aufwerfen: Wozu?  :wink1: Was ist mit einer solchen Defintion gewonnen?
/>
/>Ah, hallo rivka,
/>
/>
Eine mystische Erfahrung ist also eine, über der man Augen und Lippen schliessen muss, um sie nicht zu verlieren. Wenn mir also wer von seiner mystischen Erfahrung erzählt, dann ist der kein Myste + die Erfahrung, spätestens nach dem sie erzählt wurde, nicht mehr wirklich mystisch.
/>
Dann stehe ich jetzt womöglich auf dem Schlauch: Die Mystiker/innen, die mir so bekannt sind, haben ausführlichst von ihren Erlebnissen und Erfahrung erzählt und geschrieben. Entwertet das dann ihre Erlebnisse?
/>
/>Ansonsten im grossen und ganzen d'accord, obwohl ich über das Misstrauen gegenüber "beruhigenden" mystischen Erfahrungen - und darüber, was das eigentlich sein könnte - nochmal nachdenken muss. (Aber nicht mehr heute abend, bin mitten in Reise-Vorbereitungen.)
/>
/>Na, dann für heute erstmal Gute Nacht und schönen Gruss
/>Herbert

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rivka

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Re: Was sind (für euch) mystische Erfahrungen?
« Antwort #22 am: 09. Oktober 2007, 20:32 »
Zitat
Dann stehe ich jetzt womöglich auf dem Schlauch: Die Mystiker/innen, die mir so bekannt sind, haben ausführlichst von ihren Erlebnissen und Erfahrung erzählt und geschrieben. Entwertet das dann ihre Erlebnisse?
/>
Gerade im christlichen Kontext nicht unbedingt, da sie sich zum Erzählen einer vorliegenden Ikonographie bedienen konnten und die mystische Erlebnisse selbst ab + an den Auftrag erhielten, Inhalte weiterzusagen (Hildegard von Bingen, zum Beispiel); ausserdem brauchten viele christliche (und jüdische) Mystiker/innen die Schilderung ihrer Erlebnisse als Rechtfertigung ihrer Autorität beziehungsweise zur Abwehr des amtskirchlichen Verdachts, die unio mystica sei in Wahrheit des Teufels gewesen.
/>
/>Das Poblem ist ja (denke ich mal) dass mystisches Erleben Ichlosigkeit bedeutet; beim Erzählen taucht das Ich aber wieder auf, was das Erleben geradezu konterkariert (ich glaube, an der Stelle kann das Erlebnis für den, der es erzählt, in seiner Wirkung beeinträchtigt werden); ausserdem finde ich hier Musils Einwand höchst bedenkenswert, dass eben die Sprache nicht mitmacht und im Erzählen Lächerliches entsteht, wo im Erleben nichts Lächerliches war. Es kann auch sein, dass sich egoistische Motive breitmachen, indem man mit der Schilderung solcher Erlebnisse Anerkennung + Aufmerksamkeit zu erhalten wünscht, was wieder den Egoismus stärkt, den das Erlebnis selbst gerade in Frage gestellt hatte; ich glaube einfach, dass, wenn man den Hemdzipfel der Gottheit erwischt hat, er sich nicht so leicht in einen Reliquienschrein sperren lässt und dass, wer es dennoch tut, Gefahr läuft, ein Wallfahrtsort zu werden ;D
/>
/>Den Unterschied zwischen Mystik und Schleudermystik würde ich, sagen wir (vorläufig) am Wahren festmachen: Schleudermystik oder Eiapopeiamystik dient (sic) der Selbst-Beruhigung;  läuft auch hinaus auf Selbst-Betrug, während Mystik auf Wahrheit zielt; Eiapopeiamystik ist das, was Faust versucht, indem er seine linke Hirnhälfte in den vorzeitigen Ruhestand schickt, um nur noch, ohne in Worten kramen zu müssen, zu "erkennen" - womit der Teufel sehr einverstanden ist, wie man seinem Monolog hinter Fausts Rücken (sozusagen) entnehmen kann: "Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, / des Menschen allerhöchste Kraft! / Lass nur in Blend- und Zauberwerken / dich von dem Lügengeist bestärken / so hab ich dich schon unbedingt!" Ja, und zum Schluss muss er gerettet werden.
/>
/>Oder so ähnlich. Jo. Und wer sich nicht die Mühe machen will, zwischen Blend- und Zauberwerken und Erkenntnis zu unterscheiden, den würde ich als Schleudermystiker bezeichnen - oder als Eiapopeiamystiker. Man soll zwar über dem mystischen Erlebnis Augen und Ohren schliessen, aber nicht über der Realtät, die das mystische Erlebnis ja gerade beleuchtet + schärfer konturiert.
/>
/>Aber ich hab jetzo auch kein Zeit + Gedanken mehr und wünsch ein gute Nacht...
/>
/>
/>P.S.: Übrigens gibt es auch mystische Träume und Eiapopeiaträume und Schleuderträume. Nein? Die mystischen hat Jung die "grossen" genannt. Nur so'n letzter Gedanke...
Wir würden uns für unsere Meinungen nicht verbrennen lassen: wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, daß wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.
/>
/>(Nietzsche)

Wælceasig

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Re: Was sind (für euch) mystische Erfahrungen?
« Antwort #23 am: 09. Oktober 2007, 21:06 »
Hi, Eldkatt
/>
/>
Zitat
die Erfahrung ansich ist nichts wert* , es sei denn, sie bewirkt Veränderungen oder es wird etwas daraus gemacht.
/>(* und hier wird meiner Meinung nach ganz kräftig gewertet: "Eiapopeia", "nur Kino", oder indem man die fiktiven Vertreter der "Gegenseite" in einem möglichst dummen Jargon reden lässt: "Ey, voll krasser Trip, Alter!")

/>Den Wertebegriff (im Sinne von etwas abwerten nicht von bewerten) hast du ins Spiel gebracht. Ich finde es einfach nur absurd und unnütz (;D) alle außergewöhnlichen Bewußtseinszustände als mystisch zu deklarieren. Wenn ich jeden außergewöhnlichen Traum,  flow-Zustand, Drogenrausch, ect. von einer mystischen Erfahrung getrennt wissen möchte, entwerte ich dann die anderen Zustände? Wenn du profanieren als abwerten verstehst, dann tue ich es wohl.
/>
/>
Zitat
Was, wenn mich die mystische Erfahrung einfach nur etwas gelassener mit den Hindernissen des Lebens umgehen lässt? ... Das einzige, was nach meiner Wahrnehmung dadurch passiert war, ist dass die Leute weniger oder keine Angst vor dem Tod haben - die Angst vor dem Sterben bleibt davon relativ unberührt. ... Waren das jetzt mystische Erlebnisse? Nach deiner Definition?

/>Ich denke, dass hat Rivka schon gut beantwortet. Tröstende und beruhigende Alleins-Erfahrungen (unter die ich Nahtoderfahrungen zählen würde) sähe ich auch als etwas anderes als ein mystisches Erlebnis, ja.
/>Ansonsten, ob eine Änderung nach außen hin wahrnehmbar ist oder nur für den Menschen selbst, dass würde ich nicht unbedingt als Unterscheidung nehmen. (Hilft beim Auseinanderdröseln der Begrifflichkeiten nicht wirklich weiter, ich weiß.) 
/>
/>
Zitat
Diese Antwort geht aber an meiner Frage vorbei, oder? Ich habe ja nicht tatsächlich nach dem Zweck von Erleuchtung und spiritueller Weiterentwicklung - wie immer diese definiert sei - gefragt, sondern die Frage lediglich angedeutet, um zu zeigen, dass immer weiter nach dem Zweck, nach dem "Wozu", nach dem "Was macht das mit dir?" gefragt werden kann, und immer irgendwann ein Punkt erreicht wird, an dem keine sinnvolle Antwort auf die Frage nach dem Zweck mehr möglich ist. 

/>Ich finde, die Frage stellt sich nicht, da es m.E. keine Spiritualität ohne „Zweck" gibt.
/>Okay, dazu sollten wir vielleicht den Begriff „Spiritualität“ klären. Ich kenne jedenfalls keine Definition, bei der Spiritualität die ohne eine gewisse Zweckgerichtetheit einhergeht. (Versteht man die S. als eine Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen, ist der Zweck eine Klärung der selben; siehst du sie als geistig-geistliche Lebenspraxis – nun, kein geistig normaler Mensch tut etwas von sich aus etwas sinnloses, oder? S. mit der Definition: „ausgeübte Praxis, aus der heraus ein Mensch eine vertiefte Beziehung zu Gott oder Zugang zu einer letztendlichen, absoluten Wirklichkeit, eine innere Erleuchtung oder eine religiös begründete Emotion erfahren will“ <- da beantwortet die Definition den Zweck schon in sich.)
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/>
Zitat
Aber erstmal nur nach rivkas - und deiner - Definition, und weil diese ja gerade den Wert der Erfahrung ansich ausschliesst. 

/>Wieso? Wenn ich sage, ich würde es in eine andere Kategorie einordnen, dann spreche ich ihr doch nicht den Wert an sich ab. :stunned:
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Zitat
Ich möchte dann mal die Frage aufwerfen: Wozu?  Was ist mit einer solchen Definition gewonnen?

/>Größere Klarheit - der Sinn aller Definitionen. ;D
/>Ich kann mir langsam vorstellen, wovon die Leute sprechen, wenn sie das Wort „mystische Erkenntnis“ verwenden.  Eine durch intensives Nachdenken gewonnene geistige Erkenntnis ist etwas anderes als ein gefühltes Alleinsempfinden.