Autor Thema: (Heidnische) Heilige Schriften  (Gelesen 4927 mal)

McClaudia

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Re: (Heidnische) Heilige Schriften
« Antwort #24 am: 31. März 2008, 14:57 »
Slania Waelceasig,
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/>ich häng mich mal ein bisserl an Schattenspeers und Distelflieges Argumentation an, weil ich dem weitgehend zustimme.
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/>Zum einzelnen:
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Was ist für euch ein Heiliges Buch? Was macht für euch (die) Heiligkeit (dieses Buches) aus?
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/>Wie Distelfliege u.a. schon schrieben - ein Buch, das wegen was Besonderem so wertvoll ist, dass es geehrt wird, vorsichtig behandelt, sein Inhalt für heilig erachtet wird, etc.
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/>Auf der materiellen Ebene sind für mich Bücher irgendwo heilig, aber zumindest sehr wertvoll, die Raritäten sind, alt sind, wertvoll sind. Das Book of Kells z.B. oder die Qumran-Rollen oder die Original Gesetzes-Tafel des Hammurabi, solche Sachen haben m.E. unschätzbaren materiellen Wert und auch irgendwo kulturellen Wert, weshalb sie auf materieller heilig sind, das heißt, es macht einen Unterschied, ob ich ein x-beliebiges neues Testament aus dem Buchladen verbrenne oder das Book of Kells.
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/>Auf der Ebene der Religionen, wie andere schon sagten: Buchreligionen sind Religionen, die ihre Grundlage in einem hl., geoffenbarten Buch sehen, also Bibel, Thora, Koran, das hl. Buch der Sikhs, die Veden, etc. Sowohl der Inhalt als auch die Schrift als magisches Instrument als auch jede einzelne Ausfertigung des Buches ist unantastbar.
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/>Wie andere sagten - dasselbe im Politischen, auch diverse Verfassungen.
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/>Für mich selbst ganz persönlich: Also rare Bücher haben sowas wie Heiligkeit an sich für mich. Da ich es kaum mehr glaubte, daran zu kommen, habe ich z.B. die deutsche Uralt-Fassung der Táin Bó Cuailnge, als ich sie im Postkasterl fand, nachdem ich sie grad noch second hand erstanden hatte, vorsichtig aus dem Postkastel entnommen, feierlich vor dem Altar platziert, Kerzen angezündet und ganz feierlich das Buch vom Karton befreit, es in Händen gehalten, geküsst, vorsichtig die ersten Seiten umgeblättert und den Gottheiten aus tiefstem Herzen gedankt, dass ich den wichtigsten keltischen Mythos in deutscher Sprache nun mein Eigen nennen durfte. OK, der Mythos selbst ist einer der Grundlagen meines Glaubens, aber wie die Bibel behandle ichs nicht. Es ist heilige auf mythischer Ebene nicht auf unbedingter dogmatischer. Heilige Poesie sozusagen. Und wenn es nicht so rar wäre, hätte ich es auch nicht so besonders behandelt. Also mit dem "Keltischen Kessel" hab ich nicht so einen Tamtam aufgeführt, weils da noch genügend Exemplare bei amazon gegeben hat.  ;)
/>
/>Vom absolut-unbedingten sind für mich die Menschenrechte heilig. Sie stellen für mich das höchste Dogma dar. Eine Ausgabe von AI steht deshalb auf meinem Altar. Ich bin ja zur Offenbarung gelangt, dass die Menschenrechte auf jeden Fall göttlichen Ursprungs sind (mein persönlicher Glaube), deswegen halte ich sie für heilig.
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Haltet ihr ein heiliges Buch für sinnvoll?
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/>Also für Buchreligionen sind hl. Bücher wohl sinnvoll, sonst wären sie keine Buchreligionen. Meine eigenen Beispiele zeigen aber nicht, dass ich einer Buchreligion anhänge. Für mich, also für meine Religion ist ein heiliges Buch im buchreligiösen Sinn, sinnlos, da mein religiöser Zugang einerseits und auch die kelt. Tradition andererseits da widersprechen. Joa, wie gesagt, es gibt ein paar Mythen, die u.a. für mich Glaubensgrundlage sind, aber kein unumstößliches Dogma darstellen, sonder in Poesie verfasste Göttergeschichten, die in jeder Generation neu gedeutet werden sollten. Mein Zugang zu den Mythen ist also poetisch, philosophisch, nicht blindgläubig. Dazu kommt, dass es reiner Zufall ist, dass die Dinger aufgeschrieben worden sind. Ich würde sie auch mündlich überliefert nehmen. Schrift ist hier also nur deshalb sinnvoll, weil praktisch. Also - nein - für meine Religion machts keinen Sinn. Und mein obiges Beispiel der Menschenrechte bewegt sich für mich auf einer überreligiösen Meta-Ebene, ist also jetzt kein Buch "meiner" Religion, sondern natürlich von Menschen verschiedenster Religionen oder auch Atheist/innen verfasst. Ich selber halte es für heilig, weil ich es als so wichtig erachte. Aber nicht, weil ich den kelt. Weg gehe.
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/>So gesehen hab ich ein heiliges Buch, das sich aber jenseits meiner Religion bewegt, innerhalb meiner Religion hab ich zwar wichtige Texte, die aber nicht heilig im Sinne der Buchreligionen sind, sondern heilige Poesie, die variabel, diskutier- und veränderbar ist.
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Ich verstehe eigentlich unter einem heiligen Buch zu aller erst einmal die Schriften wie Bibel, Tora und Koran, also Dinge, die offenbart wurden.
/>Des weiteren vielleicht noch religiöse Schriften, in denen die Lehren und Worte von so genannten „Weisheitslehrern“, von denen angenommen wurde, ihre Erkenntnisse gingen über das der Durchschnittsmenschen hinaus, zusammengefasst und niedergeschrieben wurde.
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/>Joa. Ich respektiere natürlich, dass Christen die Bibel, Muslime den Koran, Juden die Thora, usw. als heilig erachten. Ich selber sehe diese Bücher nicht als heilig. Ich sehe eher bestimmte Erkenntnisse, die für mich einen sehr heiligen Eindruck hinterlassen, als heilig an. Ich finde z.B. den Satz des Sokrates "Ich weiß, dass ich nichts weiß" als genial an, als wahnsinnig gute Grundlage zur Selbsterkenntnis, also irgendwo als heilig. Ich behaupte also, dass Sokrates mit diesem Satz eine tiefe (göttliche) Erkenntnis kundtut. Ich bin aber nicht der Meinung, dass Sokrates an sich heilig ist oder dass jetzt alles, was er von sich gab, heilig ist. So halte ich es mit allem, was ich lese, oder was mir Menschen vermitteln. In meinen Augen ist also jeder Mensch empfänglich fürs Heilige. Für mich ist also wichtig, WAS gesagt oder geschrieben wird, nicht wer das tut oder wo das steht. So steht in der Bibel einiges, das ich auch als tiefe Weisheit sehe, z.B. Jesu Aufruf, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, das ist genial, aber nicht alles was Jesus in der Bibel sagt, sehe ich gleichermaßen als heilig an, weil Jesus für mich halt auch nur ein Mensch war, der Fehler hatte und auch mal Quatsch von sich gab.
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Und heilig ... das wäre für mich ein Gegenstand, der nicht profan ist, dem man eine gewisse religiöse Verehrung und Achtung angedeihen lässt.
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/>Joa, so gesehen habe ich mehrere "heilige Bücher" also Bücher, wo in meinen Augen vornehmlich sehr heilsame Dinge drinstehen, die mir so viel geben, dass ich sie sehr hoch halte. Auch die Schriften von Epikur könnte ich so sehen oder Schmidt-Salomons Manifest des evolutionären Humanismus oder Simone de Beauvoirs "das andere Geschlecht", etc., all das sind Schriften, die mir zu tieferer Erkenntnis verholfen haben, das heißt, ich bin den Autor/innen sehr dankbar dafür und ihre Schriften sind für mich was besonderes. Aber - nö - verehren tu ich die Bücher nicht. Und auch die Menschenrechte stehen nur als Symbol am Altar, nicht als kultisch verehrter Gegenstand.
/>
/>
Und der Sinn einiges heiligen Buches: Wenn ich nicht der Anhänger einer Offenbarungsreligion bin, sondern davon ausgehe, dass ich selbst das göttliche ebenso gut verstehe wie irgendein Kerl, dem vor ein paar tausend Jahren etwas offenbart wurde, wozu soll denn dann das Buch gut sein, vor allem da man davon ausgehen muss, dass in den paar tausend Jahren so etwas wie Stille Post stattgefunden hat, und das, was mir heute vorliegt, nicht mehr viel mit dem zu tun hat, was damals damit gemeint war.
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/>Also mein Umgang mit alten Schriften ist, wie oben beschrieben. Die Mythen oder meine Glaubensgrundlagen, auch das, was ich mir selber zusammenreime, hat für mich Wert, Wert genug, dass es mir wertvoll ist und zusammengenommen meine Religion und meinen Kult ausmacht. Aber es stehen halt keine einzelnen Bücher am Altar, sondern die Gesamtheit der Erkenntnisse, die aus Büchern, Heften, selber Geschriebenem, Gedachtem, Gefühltem, Erfahrenem, etc. bestehen. Also wirklich ne sehr intime, persönliche Angelegenheit. Heilig in poetischer Weise, wie gesagt, nicht aber als fixes Dogma.
/>
/>subuta
/>
/>Mc Claudia
"Freiheit ist die Freiheit sagen zu dürfen,
/>dass zwei plus zwei gleich vier ist."
/>(Winston Smith in George Orwell's 1984)

morgane

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Re: (Heidnische) Heilige Schriften
« Antwort #25 am: 31. März 2008, 16:50 »
Hi waelceasig!
/>Ich nehme den vorwurf der engstirnigkeit zurück. Offenbar habe ich da über reagiert. Sorry!
/>lg morgane
Denn siehe, alle akte der liebe und der freude sind riten zu meinen ehren.....

Wælceasig

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Re: (Heidnische) Heilige Schriften
« Antwort #26 am: 31. März 2008, 17:00 »
Hi waelceasig!
/>Ich nehme den vorwurf der engstirnigkeit zurück. Offenbar habe ich da über reagiert. Sorry!
/>lg morgane
/>

/>Kein Problem!  :mellow:

dr. no

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Re: (Heidnische) Heilige Schriften
« Antwort #27 am: 01. April 2008, 11:49 »
no
« Letzte Änderung: 28. Oktober 2008, 13:58 von Schattenspeer »

McClaudia

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Re: (Heidnische) Heilige Schriften
« Antwort #28 am: 01. April 2008, 12:06 »
Faszinierend!
/>
/>Im Sikhismus, so mal im TV gesehen, wird das hl. Buch wie ein lebendes Wesen behandelt. Es ruht auf einem Bett an einem speziellen Ort und wird auch ganz vorsichtig und voller Ehrfurcht zu den Zeremonien herausgeholt.
"Freiheit ist die Freiheit sagen zu dürfen,
/>dass zwei plus zwei gleich vier ist."
/>(Winston Smith in George Orwell's 1984)

Distelfliege

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Re: (Heidnische) Heilige Schriften
« Antwort #29 am: 01. April 2008, 15:28 »
>>Ist ein solches Buch mal zu zerschliessen, soll man es nicht wegwerfen, sondern rituell berdigen(Geniza).
/>
/>Spannend, ich habe mal, als ich in Amsterdam war, einen Mann getroffen der gerade ein Buch verbrannte. Er hat mir erklärt, daß er das macht, weil das Buch auch zerschlissen ist und nicht einfach weggeworfen werden darf, weil die Namen vom Propheten und von Heiligen da drin stehen, ich weiß aber nicht, welcher Religion er angehörte, ich nehme an, Islam (wenn er vom Propheten redete..). Hatte ich ganz vergessen, zu fragen.

Wælceasig

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Re: (Heidnische) Heilige Schriften
« Antwort #30 am: 01. April 2008, 17:45 »
Nur schade, dass die alten Isländer nicht so dachte.  :'(
/>Wie viele heute unbekannte oder nur bruchstückhaft erhaltene Sagas sind als Schuheinlagen, Schnittmuster, Wärmedämmung und sonst was geendet! Mag ich gar nicht weiter drüber nachdenken...  :disappointed:

Dunkler_Clown

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Re: (Heidnische) Heilige Schriften
« Antwort #31 am: 01. April 2008, 17:52 »
Naja besser einen Teil erhalten weils grade aus der Wand bröckelt oder aber alles verbrannt?
Von Hexen für Hexen
www.hexenkuchl.org