Autor Thema: Polaritäts-Artikel von Dr. phil. R. Müller  (Gelesen 12204 mal)

Wælceasig

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Polaritäts-Artikel von Dr. phil. R. Müller
« am: 17. Mai 2008, 20:08 »
Hi!
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/>Äh, kann mir jemand die Quintessenz dieses Artikels, wie er/sie die versteht verraten?
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/>Ich verstehe da nur: „Wenn wir immer schön den Weg der Goldenen Mitte nehmen, dann wird alles gut.“ Das kann's doch nicht sein, oder?  :stunned:
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/>Wer diesen Artikel von 1968 ausgegraben und so bemerkenswert gefunden hat, den hier zu veröffentlichen, der kann mir das doch sicher sagen, oder?  :help:

DoctorF.

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Re: Polaritäts-Artikel von Dr. phil. R. Müller
« Antwort #1 am: 17. Mai 2008, 20:12 »
Also ich fand es jedenfalls seeeehr wohltuend, einmal was vernünftiges zu hören im Gegensatz zum sonst üblichen Gesudere, wie schlimm in der modernen Zeit nicht alles ist...
Diese drei Theorien mögen noch so verschieden sein, aber sie haben eins gemeinsam: Sie erklären die beobachteten Tatsachen - und sind völlg falsch.

Wælceasig

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Re: Polaritäts-Artikel von Dr. phil. R. Müller
« Antwort #2 am: 17. Mai 2008, 20:14 »
Ganz ehrlich, ich fühlte mich beim Lesen irgendwie ans "Wort zum Sonntag" erinnert.  :-X

Anufa Ellhorn

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Re: Polaritäts-Artikel von Dr. phil. R. Müller
« Antwort #3 am: 17. Mai 2008, 20:27 »
Well met, Wælceasig ;)
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/>>Wer diesen Artikel von 1968 ausgegraben und so bemerkenswert gefunden hat, den hier zu veröffentlichen, der kann mir das doch sicher sagen, oder?
/>
/>Ich fand es schon bemerkenswert genug, dass überhaupt über das Thema was zu finden war  :laugh: aus universitärem Umfeld - das hat mir schon gereicht. Mein Weg ist, derartiges als Denkanstoß zu verwenden... ich suche kaum nach Quintessenzen  8). Was mein Angelpunkt war, dass der Artikel aus 68 ist und imho heut geschrieben worden sein könnt. DAS hat mich fasziniert und ich wollte wissen, was andere drüber denken  ;D
/>
/>Also Dir hat das nix gesagt - ist schon mal ne Info  :thumbsup:
Bright blessings
/>Anufa

rivka

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Re: Polaritäts-Artikel von Dr. phil. R. Müller
« Antwort #4 am: 17. Mai 2008, 20:44 »
Nur so als Info - mir isses so gegangen wie Waelceasig..Wort zum Sonntag...
Wir würden uns für unsere Meinungen nicht verbrennen lassen: wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, daß wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.
/>
/>(Nietzsche)

rivka

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Re: Polaritäts-Artikel von Dr. phil. R. Müller
« Antwort #5 am: 17. Mai 2008, 21:49 »
Da ich es nicht bei einem Ein-Satz-Statement belassen möchte, fang ich mal mit dem ersten Absatz der Artikels an:
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Zitat
Die philosophische Haltung
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/>Gewiss leben wir heute in einer verwirrlichen und turbulenten Zeit, für die im bisherigen Lauf der Geschichte nicht manche Präzedenzfälle vorzufinden sind.
Nicht? Inwiefern? Verwirrte + turbulente Zeiten hats eigentlich immer gegeben, Karthager zu sein war zu Zeiten nicht angenehm, den Dreissigjährigen Krieg würde ich auch als turbulent bezeichnen, und der Untergang diverser Gross-Mittel-und Kleinreiche wird an den Leuten ebenfalls nicht spurlos vorüber gegangen sein; auch nicht die Zeiten, als noch ganze Völker versklavt wurden...nicht, dass sich das so sehr geändert hätte...
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Zitat
Doch hilft es wenig, die gegenwärtige Unsicherheit der politischen und gesellschaftlichen Lage und die Orientierungslosigkeit des Einzelnen zu beklagen oder resigniert festzustellen, dass die technische und wirtschaftliche Entwicklung den Menschen überrannt und ihn mit der Eröffnung globaler Verhältnisse und Konkurrenzkämpfe, die unsere betuliche Abkapselung zerbrechen, beinahe zu einer manipulierten "Nummer" herabgewürdigt habe.

/>Jammern hilft selten, aber wem unterstellt der Autor hier das Jammern? Eine Bilanz der Zustände, der Bedingungen der Welt wie sie uns Zeigenossinnen erscheint, muss gezogen werden, "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar", wie Ingeborg Bachmann zu den Kriegsblinden sagte, und sollte ihm auch zugemutet werden; sie (der Mensch) sollte sie sich selber zumuten. Tut man das nicht, läuft man Gefahr, Ursachen nicht zu erkennen, an Symptomen zu doktern oder sich in eine heile Westentaschenwelt zurückzuziehen, womit einem selbst gedient ist und denen, die weiterhin ungestört alles vermasseln dürfen. "Betuliche Abkapselungen" sollten allerdings immer zerbrochen werden - allerdings nicht, um die Menschin zu einer manipulierten Nummer herabzuwürdigen - hier drückt sich der Autor etwas unklar aus. Vom Gesichtspunkt der globalen Wirtschaft aus gesehen ist natürlich schon der Wunsch nach einem Arbeitsplatz in erreichbarer Nähe zum Eigenheim eine "betuliche Abkapselung" - die dann in der Tat nicht gestattet werden kann, weil man den Menschen als Funktionsträgerin braucht und nicht als heim-liches Wesen.
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Zitat
Und wenn auch heute in der Tat kein Problem, wohin man auch schaut, als auch nur einigermassen gelöst betrachtet werden kann, obwohl mehr oder minder eifrig an jedem gearbeitet wird, so muss man doch fragen: Wie können wir uns dieser Verluste von bisher einigermassen gültigen Werten, der Hektik und des Ansturms von Reizen, Information und künstlichen Produkten noch erwehren und uns aufrecht halten? Zeigt sich neben dem Einsatz von Automaten und Computern noch eine menschliche Möglichkeit, dieser stellenweise geradezu fatalen Gegebenheiten, welche uns immer mehr beunruhigen und ernüchtern, Herr zu werden?
Wann konnte denn bitte jemals ein Problem als "einigermassen gelöst" betrachtet werden? Wann ist nicht "mehr oder weniger heftig" an Problemen gearbeitet worden? (Und: sind wir nicht genau deshalb da, wo wir heute sind, sofern "heute" einen Schlamassel bezeichnet, der weitgehend aus den Abfällen unseres Bedürfnisses entstand, ständig Probleme lösen zu wollen statt, selektiv, auch einmal ein "Problem" (wer bestimmt, was eines ist?) hinnehmen zu können?) Der Eindruck, dass das etwas Neues, unserer Zeit Zugehöriges ist, entsteht wohl eher dadurch, dass wir besser informiert sind: nicht die Zahl der Probleme hat zugenommen, sondern die Zahl der Zeitungsartikel darüber, besonders im Vergleich mit Zeiten, als es noch gar keine Zeitung gab. Welche "fatalen Gegebenheiten" uns nun "beunruhigen und ernüchtern" erfährt man vom Autoren nicht; allerdings möchte ich festhalten, dass es kein unangemessener, ja, auch kein übler Zustand ist, nüchtern und beunruhigt zu sein: "Bleib erschütterbar und widersteh!" wie Peter Rühmkorf reimte. Und dass wir (wir? Vielleicht fühlen sich da einige Wesen + Wesinnen des spirituellen Umfelds gerade nicht gemeint, wie meineeine zum Beispiel?) der Gegebenheiten "Herr werden möchten" ist ja nun wirklich nichts Neues seit Adam. Sollte es da nicht noch andere Möglichkeiten geben?
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Zitat
Die Antwort lautet: Ja, wenn man annimmt, dass es letzten Endes um die Bewältigung der Technik und ihrer ungezählten Hilfsmittel geht. Es hiesse dann schlicht: Auf eine zweckmässige Ausarbeitung und einen sinnvollen Einsatz dieser Mittel, das heisst eine sachentsprechende Verwendung kommt es an, vom Produzenten wie vom Benützer - seien es nun Küchengeräte, Verkehrsmittel, Massenmedien, Genussmittel oder Medikamente.
Was meint der Autor mit "Bewältigung der Technik"? Soll ich lernen, mit einem Auto verantwortungsvoll umzugehen? Oder darauf hinarbeiten, die Zahl der Autos überhaupt einzuschränken? Wäre der Entschluss, einen Wagen nach dem anderen zu Schrott zu fahren nicht möglicher Weise ein sehr verantwortungsvoller Umgang mit der Technik? ("Macht kaputt, was euch kaputt macht, hiess das früher. Aber macht uns die Technik kaputt?) Was ist eine "sachentsprechende Verwendung"? Wie verwendet man einen elektirischen Stuhl, eine taktische Atomwaffe, ein Fliessband "sachgerecht"? Oder ist es vielleicht gar nicht gut, die Dinge "sachgerecht" zu verwenden? Wie wäre es mit "menschengerecht"?
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Zitat
Dass hierbei sogleich die uralten Probleme vom "richtigen Mass" und von der Verantwortung auftauchen, ist bekannt: aus einem Überangebot das Zweckdienliche auswählen und Verantwortung üben, sich selbst, den Mitmenschen und der Sache gegenüber. Das bedingt jedoch eine gewisse Aktivität, ein Überlegen und einen Widerstand - eine sich selbst gegenüber kritische Opposition - gegen den hoch wogenden Strom.
Das "richtige Mass" und die "Verantwortung" sind bekannt, ja; nicht so ohne Weiteres zu verstehen ist allerdings, warum diese darin bestehen sollen, "aus einem Überangebot das Zweckdienliche auszuwählen" (das hört sich eher nach Propaganda für freie Marktwirtschaft an; und welchem Zwecke dient das "Zweckdienliche"?). Vielleicht wäre es viel verantwortungsvoller, das besagte Überangebot zu reduzieren? Verantwortung den Mitmenschen und der Sache gegenüber? Mitmensch und Sache sehe ich persänlich ungern so in aller Beiläufigkeit auf dieselbe Stufe gestellt; ich würde vorläufig meinen, dass die Verantwortung der Sache gegenüber (je öfter ich das lese, um so mehr überlege ich, ob es das überhaupt gibt, die "Verantwortung einer Sache gegenüber" - wird hier die Sache nicht vom Objekt zum Subjekt wie du und ich, zum "Gegenüber" eben?) sich aus der Verantwortung den (Mit)Menschen gegenüber ergibt. Aktivität und Überlegen gehören, allerdings tunlich in umgekehrter Reihenfolge, allerdings zusammen: Operative Hektik ersetzt geistige Windstille, fällt mir grad nicht ein, wer das gesagt hat, und: Nichts ist schlimmer als tätige Unwissenheit, das war Goethe. Jedoch gleich mit "einer sich selbst gegenüber kritischen Oppsosition" anzufangen, das hört sich für mich doch sehr nach Appeasement an, nach Bürgertugend, nach der Klugheit, die nachgibt, die einen schon im Vorfeld einer Handlung an jeder Unnachgiebigkeit hindert, und die darum, Marie von Ebner-Eschenbach befürchtete es, die "Weltherrschaft der Dummheit" begründet - oder die jeden Falles staatstragend ist und brav systemimmanent bleibt.
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/>Ja, soviel mal zum ersten Absatz :wreck:
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« Letzte Änderung: 27. Mai 2008, 15:57 von rivka »
Wir würden uns für unsere Meinungen nicht verbrennen lassen: wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, daß wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.
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/>(Nietzsche)

rivka

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Re: Polaritäts-Artikel von Dr. phil. R. Müller
« Antwort #6 am: 18. Mai 2008, 02:06 »
Und der zweite (weil ich grad noch ein bisschen Zeit hab :stunned: ):
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Zitat
Nennen wir sie ruhig einmal eine philosophische, im weitesten Sinne. Glück, Befreiung und Erfüllung sind aktive Taten - abgesehen von einer gewissen Begnadung - und beruhen auf ständigem Wachsein allem gegenüber, auf Offenheit und Beweglichkeit auf dem Grunde eines Kerns fester und in Freiheit persönlich hochgehaltener Werte.
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/>(Hervorhebung von mir)
Wir sind also (im Prinzip) "begnadet" (gewissermassen), Glück, Befreiung und Erfüllung zu "tun". Das freut uns aber. Denn:
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Zitat
"Was gibt es Schlimmeres als Nichtstuer, Faulenzer, Habenichtse! Da ist doch ein dynamischer Mörder noch besser! [...] Wer nichts hat, kann sich gleich verkrümeln, denn bei uns herrscht bis zum letzten Atemzug und zur totalen Zerstörung der Erde das Prinzip: Haben und Tun. Als Lebensziel, Lebensinhalt, Lebenssinn. Da muss man doch was unternehmen! Tu doch was! Kann ich denn da gar nichts tun?"
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/>(Luisa Francia, Die 13. Tür, Frauenoffensive)
Glück, Befreiung und Erfüllung? Es gibt viel zu tun - lassen wirs SEIN!
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Zitat
Philosophie bedeutet nur in einer Randerscheinung "Schule, Gedankenakrobatik und Träumen im Elfenbeinturm", daneben aber ist sie für alle, universal, in der Welt und sich auf sie und das Leben beziehend. "Im Philosophieren kommt der Mensch zu sich selber, indem er der Wirklichkeit teilhaftig wird" (Karl Jaspers). Philosophie als eminent menschliches Tun entspringt dabei dem Staunen, der Erschütterung, dem Zweifeln und Rätseln; sie ist ein ewigdauerndes Fragen, Suchen und Streben nach Vergewisserung, Erkenntnis, Wesen und Sinn, nach dem Allgemeinen und Ganzen, nach Freiheit und Wahrheit. Alle echten Probleme sind aber unlösbar, doch fruchtbar, wenn wir um ihre Bezwingung ringen. Philosophie heisst dann "auf dem Wege sein", und dieser Weg ist selbst schon das Ziel.
Philosophie bedeutet eigentlich: Liebe zur Weisheit. Das erfordert Nachdenken, beziehungsweise Nachdenklichkeit, beziehungsweise eine kontemplative Haltung. Hier werden uns das "Ringen" und die "Bezwingung" nahe gelegt, nicht ganz überraschend Jaspers zitiert; zusammen mit der  Forderung (wir erinnern uns) der Dinge "Herr" zu werden, scheinen mir die "Werte", derer wir hier teilhaftig werden sollen, doch vorzugsweise christliche zu sein: der schmale, steinige Weg, den wir bezwingen müssen, ist allemal der richtige, die schöne, grüne Wiese, auf der wir uns in die Sonne legen könnten (und zu der vermutlich ein breiter Irrweg führt) ist allemal irgendwie falsch. Glück, Befreiung und Erfüllung werden uns schliesslich nicht so einfach in den Schoss fallen, wenn wir wie Sterntaler das Hemdchen aufhalten oder wie Hans im Glück unsre fette Gans auch noch verschenken, jedenfalls nicht im Reich des Geistes der puritanischen Arbeitsethik. Nur im Reich des Märchens halt. Aber vielleicht weiss es das Märchen besser?
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/>
Zitat
Zwar bemeistern wir in Ansätzen Natur und Atom, können über Geräte und Menschen verfügen, letztere mit Erziehung und Propaganda bis zu einem gewissen Grad steuern, unsere Gedanken von einer Wiesenblume hin zur Transzendenz lenken, uns unsäglich bang, einsam und geknechtet, boden-, schutzlos und verloren und doch verbunden in der Unendlichkeit eines Ewigen fühlen, doch die Rätselhaftigkeit und unsere Ratlosigkeit bleiben. Aus der Einsicht nun - die, wie vieles, beileibe keine Intelligenzleistung darstellt - in die Winzigkeit und Endlichkeit des Menschen, seines Strebens und seiner Werke erwachsen Ehrfurcht vor und Liebe zu deren Würde und der letztlichen Unausdeutbarkeit von allem sowie die bedachtsame und schlichte Übernahme der Pflicht: da zu sein, das zu vollführen, weswegen wir da sind, und fortzuleben - da das Leben einen Sinn hat, haben muss.
Wir "bemeistern" und "verfügen", wir "erziehen" und "propagieren", wir fühlen uns bang, einsam, geknechtet, bodenlos, schutzlos. Nun wirds aber Zeit zur Umkehr, liebe verlorene Söhne und Töchter, zur "Einsicht", für die wir zum Glück auch gerne richtig doof sein dürfen (was uns freut), der Einsicht nämlich "in die Winzigkeit und Endlichkeit des Menschen". Nun ja, das ginge ja noch an, und es gehört wirklcih keine grössere Intelligenzleistung oder Einsicht dazu, uns als "endlich" und "winzig" zu erleben - damit, sich der eigenen Unendlichkeit und Unbegrenztheit zuzuwenden, müsste man schon mehr Zeit verplempern, die sind nicht so offensichtlich, obwohl jedes Kind sie weiss - aber die Ehrfurcht vor dem Streben des Menschen und seinen Werken, das klingt doch schon sehr nach Kirchenlied, einem häretischen noch dazu, denn die Ehrfurcht gebührt, selbst christlich gesehen, nicht dem kleinen Gott der Welt und schon gar nicht seinem Schöpfungswerk; der hat ja aber, erfahren wir weiter, die "Pflicht" da zu sein (um Himmels Willen nicht das Vergnügen, wo kämen wir da hin?) und die übernimmt er "bedachtsam" und "schlicht" (Die Letzten werden halt doch die Ersten sein, und selig sind die Armen im Geiste) und ohne weiter zu gelangen als bis zur Würde und Unausdeutbarkeit "von allem" "vollführen" wir halt, wozu wir da sind, wir "vollführen" das "Leben", und warum? Weil es "einen Sinn hat, haben muss".  Bilde ich mir das nur ein, oder bimmeln da die Glocken christlicher Demut vom Grunde des Jammertals herauf?
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/>Welchen Sinn das Leben nun hat, das, so denkt die Leserin, steht uns zu erfahren nicht zu; es steht uns nur zu, zu glauben und uns darein zu schicken. Was etwas ganz anderes ist, als mit Wittgenstein zu sagen, dass der Sinn der Welt ausserhalb ihrer liegen müsse, den Wittgenstein geht (glücklicher Weise) der christlich-moralische Zeigefinger ab, mit dem der Autor, aus dem Souffleurkasten zwar, aber dennoch, will mir scheinen, penetrant, vor den Leser/innennasen wedelt. Und was das Gefühl angesichts des Unendlichen anlangt, das hat meine Biologielehrerin, Gott hab sie selig, viel kürzer und weniger sentimental verschwurbelt gesagt: "Mädels, habt Ehrfurcht vor der Steinkohle!"
/>
/>So, und nu happich keine Zeit mehr. Das Nichtstun ruft!
Wir würden uns für unsere Meinungen nicht verbrennen lassen: wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, daß wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.
/>
/>(Nietzsche)

rivka

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Re: Polaritäts-Artikel von Dr. phil. R. Müller
« Antwort #7 am: 18. Mai 2008, 16:09 »
Da bin ich wieder. Wenn ich nerve, muss man mir Bescheid sagen :wacky:
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Zitat
Der philosophische Halt, den uns zu geben und bewusst zu halten wir gerade heute als wünschenswert erachten, rührt von einem Leben in Möglichkeiten her, im so oder so sein und sich verhalten und die Sachen (als) so oder so verstehen können. Hieraus entspringt die Forderung nach Redlichkeit und Wahrhaftigkeit: Wissen wir im Innersten, dass alles im Fluss, ein Wellenspiel und wechselseitig bezüglich (relativ) ist und alle unsere Äußerungen, Gedanken, Maximen und Theorien bestenfalls die eine Hälfte des nie erreichbaren Ganzen ausmachen, dann vermögen wir unsere Rolle und einige Verantwortung auf uns zu nehmen, uns einzurichten in dem, was da ist, Gutes zu tun und darin stark zu werden. Im Spüren und Wissen, dass der Mensch das sich widersprechende und sich selbst fragliche Wesen ist, und in einer von den bereits durch Platon aufgewiesenen "Tugenden" (vor allem: Besonnenheit, Mut und Mässigung, ergänzt von - heute besonders wichtig - Natürlichkeit und Anstand) getragenen Gelassenheit gegenüber allem, können wir uns und unserer Umwelt das Beste abgewinnen und unseren Mann beziehungsweise unsere Frau stellen, gemäss deren beider (je besonderen) Wesen und Stellung.
Offen gestanden, da komme ich trotz der offensichtlichen Simplizität des Textes nicht mehr mit: aus einem "Leben in Möglichkeiten" soll die "Forderung nach Redlichkeit und Wahrhaftigkeit" entspringen? WEIL wir wissen, dass alles relativ ist, DARUM können wir unsere Rolle und unsere Verantwortung auf uns nehmen? Falls der Autor hier buddhistischen oder auch daoistischen Gedankengängen sich annähern wollte, wie sie einem auch in der griechischen Philosphie begegnen, ist ihm das irgendwie nicht gelungen; falls er hatte sagen wollen, dass unserer Verbundenheit mit Allem eine Verpflichtung gegenüber Allem entspringt, ja, warum sagt er das dann nicht? Im gleichen Atemzug und im selben Satz ist aber nun schon wieder davon die Rede, dass wir uns "einzurichten" hätten "in dem was da ist" - eine Schlussfolgerung, die dem Buddhismus und dem Daoismus nicht im Traume beifiele, also hat der Autor vielleicht doch andere Perspektiven im Kopf, vorzugsweise eben christliche, was ja sein gutes Recht ist, dem Artikel aber eben den Charakter einer Sonntagspredigt verleiht, in der das Christliche, wie in Sonntagspredigten üblich, stark simplifiziert und wenig spezifiziert daherkommt; "Gutes" sollen wir tun und "darin stark werden", aber was bitte ist das Gute? In diesem Text, will mir scheinen, wenig mehr als eine leere Begrifflichkeit, eine Hülse, eine hochtönende, aber inhaltsleere Phrase, von denen der Text allerdings wimmelt: Der Mensch, "das sich widersprechende und sich selbst fragliche Wesen", die "Tugenden" "Besonnenheit, Mut und Mässigung, ergänzt von - heute besonders wichtig - Natürlichkeit und Anstand" - alleine schon über die Frage, was "Natürlichkeit" und "Anstand" seien, könnte man stundenlang debattieren, aber einen Hinweis darauf, warum der Autor meint, dass "besonders heute" Natürlichkeit und Anstand" wichtig seien, hätte man sich schon gewünscht. Und übrigens: Was hat das Herbeten enes Katalogs von mehreren tausend Jahre alten Tugenden - wieso bleibt mir dieser Begriff immmer im Hals stecken: "Tugend" - mit Polaritäten zu tun? (Wenn ich mir das Entstehungsdatum des Textes ansehe, könnte ich auf den Gedanken kommen, hier sei ursprünglich gegen aufkommende Unbotmässigkeiten der Jugend gepredigt worden, mit diesem gehäuften (Über-)Mass an Stillhalte- Aushalte- und Hinnahme"tugenden" erscheint der Artikel ja geradezu massiv antirevolutionär, beziehungsweise radikalkonservativ.) Aber halt - da sind sie ja, die Polaritäten, spät aber doch, denn "unseren Mann beziehungsweise unsere Frau" sollen wir "stellen", "gemäss deren beider (je besonderen) Wesen und Stellung".
/>Ei potz. Das hört sich nun gleich gar an wie eine Inspiration aus alttestamentarischen Quellen einerseits und Eva Hermann andererseits, ich möchte dem Autoren ja nicht Unrecht tun, vielleicht meint er da etwas ganz Anderes, wenn er von der je besonderen Stellung unserer Männer unbd Frauen spricht, aber falls er das tut, sagt er es nicht, wie er es überhaupt konsequent vermeidet, seine zahlreichen leeren Wortschachteln mit Inhalt zu füllen - so, wie hier in diesem Artikel geredet wird, lässt sich mit Sinn nur reden vor einem Publikum, das des Autors Weltanschauung und damit seine Begrifflichkeiten teilt, weswegen diese dann keiner weiteren Erklärung mehr bedürften; dieses (christliche? ) Publikum kann man ja nun aber nicht überall voraussetzen, und wenn man es tut, dann fangen die eigenen Werte an, so merkwürdig und unangenehm absolut und belehrend, will sagen: dogmatisch zu klingen; der Erläuterung scheinbar unbedürftig stehen sie da und damit auch wie unhinterfragbar.
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/>
/>
Zitat
Diese feste Haltung, nun noch etwas näher betrachtet, ist eine solche der "energischen Ruhe" (der praktischen und theoretischen dialektischen Verbindung und Bewegung), wie es Friedrich Schiller trefflich formulierte, eine gespannte Harmonie (Fügung) zwischen den unausweichlich vorhandenen und ihr Recht ständig geltend machenden Polaritäten, das heisst Entgegensetzungen von Sicherheit-Unsicherheit, Anspannung und Entspannung, Ermüdung und Erfrischung, Ausfaltung-Einfaltung, Jetzt und Zukunft, die, in ein gegen-, mit- und füreinander, gleichsam als unaufhörliche Atembewegung den Motor für den Vorgang des Lebens und der "Welt" abgeben. Es ist nämlich so - und dieses Wissen baut die philosophische Haltung zu einem Gutteil auf -, dass die fundamentalsten Gegebenheiten ein Rhythmus von Polaritäten sind: Es ist ein Riss, der bis auf den untersten Grund der Welt geht: eines (zum Beispiel Liebe oder Natur) kann nicht ohne das andere (Hass, Geist) gedacht werden, jedes gewinnt Macht und Grenzen am andern, aber das eine ist nicht vom andern aus zu begreifen; die beiden Pole sind unvereinbar, aber einander doch bedingend, ja stärkend und emportreibend; sie alternieren und sind gegenläufig (covariant).
Die "energische Ruhe", die "gespannte Harmonie", Die Entgegensetzungen "Sicherheit - Unsicherheit" und so weiter werden also als "fundamentalste Gegebenheiten" vorgestellt, die die philosophische Haltung aufbauen; das Fundament aus einem Rhyrhmus von Polaritäten, die nun allerdings ihrerseits "einen Riss" konstituieren, der "bis auf den untersten Grund der Welt" geht; und jetzt werden tatsächliche Gegensätzlichkeiten aufgebaut beziehungsweise aus dem Altbekannten herbeizitiert, wie etwa Liebe und Hass oder, schlimmer noch, "Natur und Geist", die in meinen Augen einfach nur ein abendländisch griechisch-christliches Konstrukt sind, das, und hier liegt für mich der eigentliche Unwitz des Artikels, ja gerade  in Frage gestellt werden müsste und auch gestellt wird, wenn schon nicht vom Autor, der sich mir dadurch gerade auszuzeichnen scheint, dass er tradierte Werte unhinterfragt übernimmt oder mindestens wie unhinterfragbar präsentiert, so doch von den Lesern, die, wenn sie keine Schäfchen sind, die vom christlich-abendländischen Geist behütet einhertrotten, gerade die "Polarität" "Natur" einerseits und "Geist" andereseits stutzig machen sollte, wie auch die damit in Vergleich gestellte "Polarität" Liebe - Hass, oder möchten wir nicht doch lieber von einem Gegensatz, einem Antagonismus, einem in der Tat offenbar bis auf die Grundmauern des auktorialen Weltbildhauses gehenden Riss sprechen, der eher reparaturbedürftig denn denknotwendig sind? Liebe sei nicht mit Hass vereinbar ("die beiden Pole sind unvereinbar") und Natur nicht mit Geist? Auf der Grundlage griechisch-christlicher Philosophie vielleicht nicht, aber was beweist das, ausser einer Voreingenommenheit des Autors, wovon nicht die Rede sein könnte, hätte er seine Denkvoraussetzungen spezifiziert, anstatt sie sie als Universalia zu verkappen, als etwas, das der Leser / die Leserin unmittelbar einzusehen habe, obwohl es so einsichtig nicht ist: seit wann bedingt der Hass notwendig die Liebe ("einander bedingende Pole"), und seit wann bedingt Geist notwendig Natur - oder vice versa?
/>
/>Andere Standpunkte sind - völlig ebenbürtig - denkbar (und zum Glück auch gedacht worden; unter Anderem auch von den alten Griechen, denn mit den fundamentale Risse erzeugenden Polaritäten hätte der alte Heraklit womöglich auch nicht viel anfangen wollen, selbst dann nicht, wenn er das berühmte "panta rhei" gar nicht gesagt haben sollte.
/>
/>Wie man übrigens, dies eine letzte Anmerkung am Rande, die Idee, dass Alles mit Allem verbunden sei mit der einer Risse verursachenden Polarität in Einklang bringen will, das will mir im Moment auch nicht Recht einleuchten. Was von einem bis auf die Grundfesten gehenden Riss durchzogen wird, ist ja gerade nicht mehr verbunden; so etwas wie die daoistische Yin-Yang-Polarität - nennen wir es einmal so - ist hier ja ganz offenbar nicht gemeint, wie ein nachdenklicher Blick auf das Yin-Yang-Zeichen alleine lehrt, das von Allem spricht, nur nicht von Rissen, Grenzen, Macht und Unvereinbarkeiten.
/>
/>
Wir würden uns für unsere Meinungen nicht verbrennen lassen: wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, daß wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.
/>
/>(Nietzsche)