Autor Thema: Fremde Religion  (Gelesen 5656 mal)

McClaudia

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Fremde Religion
« am: 29. September 2008, 15:19 »
Slania,
/>
/>bei einer Diskussion auf der Keltenliste fiel wieder mal die These vom kulturfremden Christentum / Islam.
/>
/>Das heißt, in neuheidnischen Kreisen (v.a. in Asatru- und anderen Recon-Kreisen) wird das Christentum / der Islam / das Judentum? u.a. auch deshalb abgelehnt, weil behauptet wird, dass der Entstehungsort dieser Religionen und der dortigen Kulturen mit der hiesigen (europäischen) Kultur nichts zu tun hat.
/>
/>Das heißt, während die damaligen traditionellen germanischen, keltischen, usw. Kulturen / Religionen als für das Land und die darauf wohnenden Leute als passend (und damit richtig, echt) gesehen werden, wird das Christentum (und später der Islam) als fremde religiöse Einmischung empfunden. Die judäo-christlichen Einflüsse (oder Orientalen, wie Geza so nett meinte  ;D ) werden als kulturfremd (oder artfremd) betrachtet. (Ganz abgesehen von Zwangsmissionierungen, die zu bemängeln ja durchaus gerechtfertigt scheint, aber viel Christentum ist auch ganz ohne Zwang über die Heiden gekommen.)
/>
/>Da ich diesen Gedanken selber anhing, und von umgekehrter Seite auch irgendwo heute noch anhänge, ohne jetzt wirklich Ethnopluralismus zu betreiben (bin eher eine Gegnerin davon), das heißt, meine Vorliebe für ausgerechnet keltische Kultur / Gottheiten kommt sicher auch (aber nicht nur) aus der Tatsache, dass ebenjene Kulturen mal auf dem Boden meines jetzigen Heimatlandes ebenfalls beheimatet waren. 
/>
/>Wie auch immer.
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/>Blind auf beiden Augen ist mir bis gestern, als ein netter Keltologe so nebenbei darauf hinwies, irgendwie nicht aufgefallen, dass weder "die Kelten" noch "die Germanen" (und ebensowenig andere antike Kulturen samt ihren Religionen) immer "einheimisch, richtig und "artgerecht" waren.
/>
/>Nimmt man die Kelten und Germanen (als Beispiel jetzt) im historischen Kontext unter die Lupe, sind diese Kulturen ja nicht irgendwo entstanden, um dort zu bleiben, sondern haben sich völkerwanderisch recht stark ausgebreitet - und zwar samt ihren Traditionen und Religionen. Insofern stellt sich natürlich die Frage, wie "heimatbezogen, natürlich, artgerecht, richtig, passend" die La Tène-Kultur in Britannien war, die Göttin Epona in Griechenland, die gallische Kultur in Anatolien oder Iberien und die Germanen in Süddeutschland.
/>
/>Besagter netter Keltologe wies auch auf die von Neodruiden immer wieder gern zitierte Cäsar-Stelle hin, wonach das Druidentum in Britannien entstanden sei, und sich von dort über Gallien ausgebreitet hätte. So gesehen ist also die druidische Lehre eigentlich für die Gallier völlig unpassend und "artfremd".
/>
/>Wie seht Ihr das? Sind Religionen grundsätzlich flexibel und kultur-anpassungsfähig? Wenn das Christentum so kulturfremd war, wieso konnte es sich so wunderbar mit den hiesigen Kulturen arrangieren? Und hätten die Galater nicht die kleinasiatische Kybele-Religion annehmen müssen? Oder erst gar nicht auswandern dürfen?
/>
/>subuta
/>
/>Mc Claudia
"Freiheit ist die Freiheit sagen zu dürfen,
/>dass zwei plus zwei gleich vier ist."
/>(Winston Smith in George Orwell's 1984)

Hunterlady

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Re: Fremde Religion
« Antwort #1 am: 29. September 2008, 15:52 »
Hi,
/>
/>mir persönlich widerstrebt es, Religionen "ortsgebunden" zu sehen. Trotzdem denke ich, das in gewissen Kulturen gewisse Religionen besser Fuß fassen können. Interessant ist das sicherlich gerade beim Christentum, das sich (denke ich mal) mit am besten "verteilt" hat. Nun könnte man über die Gründe spekulieren, einer den ich schon öfter hörte war "Weil es ein einfacher Glaube ist, der den Menschen viel abnimmt" z.B. "Geh beichten bei einem Priester und alles wird gut".
/>Doch die Gründe halte ich letztendlich nicht für wichtig, da ich denke das die meißten Menschen sowiso das glauben, was sie glauben wollen.
/>Mach ich ja nicht anders.
/>Und dabei ist es mir herzlich egal, ob der "Entstehungsort" meines Glaubens hier oder am Südpol liegt.
/>Das wäre mir alles zu festgefahren, denn für mich gehören andere Kulturen zu einem interessanten Dasein dazu, geben u.U. auch die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln.
/>
/>Gruß, Hunty

vitom

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Re: Fremde Religion
« Antwort #2 am: 29. September 2008, 22:54 »
Zitat

/>Wie seht Ihr das? Sind Religionen grundsätzlich flexibel und kultur-anpassungsfähig?
/>
/>

/>Die Herkunft (Etymologie) des Begriffs „Religion” ist nicht sicher zu bestimmen. Das aus dem Lateinischen stammende Lehnwort sei zwar antiken Ursprungs, aber bereits christlich geprägt und fand erst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Eingang in die deutsche Sprache.
/>
/>Was auch immer eine angebliche "druidische Lehre" gewesen sein soll, eine Religion war das demnach mit Sicherheit nicht, weil es damals überhaupt noch keine Religion gab. Überliefert ist der Kern dieser Geisteshaltung: die Seelen seien unvergänglich.
/>
/>Auf welche Grundlagen Julius Cäsar seine Vermutung abstützt, die Lehre sein in Grossbritannien aufgekommen, ist meines Wissens nicht bekannt. Diodor von Sizilien berichtet von einer lange vor seiner Zeit durchgeführten Reise des phokäischen Seefahrers Pytheas in die nördlichen Meere und bemerkte eine enge Beziehung zwischen dem Kult von Delphi und den Britischen Inseln: Eine Geliebte des Zeus, Latona/Leto - die Mutter der Zwillingskinder Apollon und Artemis, soll nämlich aus Britannien stammen. Diodor, II, 47: "Und das erklärt, warum die Inselbewohner Apollon so ausserordentlich verehren. Sie sind alle sozusagen Priester dieses Gottes. Es gibt dort einen riesigen Steinkreis, der dem Apoll geweiht ist, sowie einen prachtvollen Rundtempel mit zahlreichen Opfergaben. Alle neunzehn Jahre soll Apoll diese Insel besuchen." Der entdeckungsreisende Seefahrer Pytheas, ein Grieche aus Marseille, findet ungefähr vor 2300 Jahren auf der Britischen Insel einen Kult, der offenbar dem griechischen Apollonkult ähnlich war. Alle Inselbewohner, die er dort gesehen hat, seien Priester dieses Gottes, also beschreibt er eine Einklassengesellschaft von Gelehrten, welche sich mit der Sonne und den Gestirnen befassen.
/>
/>Sachlich geht es dabei um die Fixierung des Kalenders, weil sich Mond und Sonne alle 19, genauer alle 18.6 Jahre wieder treffen. Das hat also nix mit Religio zu tun.
/>
/>Gruss, vitom
Die keltische Religion - Meine Vorstellung von einem trinitären Monismus setzt ein unistisches [magisches] Weltbild voraus

McClaudia

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Re: Fremde Religion
« Antwort #3 am: 30. September 2008, 13:58 »
Slania Vitom,
/>
/>mir gehts jetzt nicht um eine Neuauflage des Religionsbegriffes oder so. Eigentlich nicht mal darum, ob Cäsar jetzt Recht hat oder nicht. Sondern darum, dass es in vielen Neuheidentümern (und auch vielen Originalen) offenbar die Auffassung gibt, dass Religion/Spiritualität/Kultur nur und aussschließlich von den "dazugehörigen" Leuten praktiziert werden darf/soll und/oder, dass es EIGENE und FREMDE kulturelle/religiöse Ausdrücke gibt, wobei das eigene gut und richtig und arteigen definiert wird und das Fremde als "artfremd" und damit abgelehnt wird.
/>
/>Wie also schon anfangs geschrieben, gibst oft die neuheidnische Polemik (und auch jene von traditionellen Religionen), dass das böse artfremde Christentum / der böse Islam / etc. die hiesige einheimische (einzig richtige und passende) Kultur und Religion unterminier(t)e / ausrottet(e) etc.
/>
/>Diese Polemik wurde eben meist einseitig gesehen, ohne im historischen Zusammenhang zu erkennen, dass die eigene Religion / Kultur, auf die man sich bezieht oft selbst expandiert wurde, und damit für andere Einheimische etwas Fremdes war.
/>
/>subuta
/>
/>Mc Claudia
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/>dass zwei plus zwei gleich vier ist."
/>(Winston Smith in George Orwell's 1984)

ostwind

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Re: Fremde Religion
« Antwort #4 am: 30. September 2008, 15:10 »
Sind Religionen grundsätzlich flexibel und kultur-anpassungsfähig? Wenn das Christentum so kulturfremd war, wieso konnte es sich so wunderbar mit den hiesigen Kulturen arrangieren? Und hätten die Galater nicht die kleinasiatische Kybele-Religion annehmen müssen? Oder erst gar nicht auswandern dürfen?
/>

/>Hallo McClaudia :)
/>
/>Kurz mein Senf dazu:
/>
/>Ja, die Religionen sind flexibel und haben sich jeweils in die verschiedensten Kulturen hineinein (an)passen ;D lassen.
/>
/>Das Christentum konnte sich in Europa arrangieren, weil es damals eine neue Dimension war, mit einer mystischen Tiefe die dort damals so noch nicht vorhanden war.
/>
/>Gruss
/>ostwind
/>
/>

morgane

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Re: Fremde Religion
« Antwort #5 am: 30. September 2008, 17:09 »
....und weil europa z.t. romanisiert war und deshalb unter den einfluss des röm. christentums kam. Denn m.e. hat das christentum, das in europa verbreitet wurde, viel mehr mit der römischen staatsreligion zu tun als mit dem orientalischen jüdisch - christlichen glauben.
/>
/>lg morgane
Denn siehe, alle akte der liebe und der freude sind riten zu meinen ehren.....

vitom

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Re: Fremde Religion
« Antwort #6 am: 30. September 2008, 17:50 »

/>mir gehts jetzt nicht um eine Neuauflage des Religionsbegriffes oder so.
/>
/>

/>Hallo McClaudia
/>
/>Eben. Schon klar, ich lese auf der Liste auch mit. Die überwiegende Mehrheit der "normalen" Bevölkerung, manche schätzen gar etwa 95%, interessiert sich, auch nach meinen Beobachtungen, überhaupt nicht für Glaubensfragen. Heute, mit Glaubens- und Gewissensfreiheit im Gesetz, stellt sich die Frage gar nicht mehr, was einzelne Gruppierungen religiös als artfremd oder nicht betrachten wollen. Im Zusammenhang wäre also vielmehr die Frage zu stellen, warum vereinzelte überhaupt auf die Idee kommen, sich mit dem Glauben, der "Religion" von anderen zu befassen, soweit das nicht ein Blick zurück ist, "es war einmal", und dabei ist, meines Erachtens, dann aber im historischen Zusammenhang das Bewusstsein wichtig, ab wann in welchem Kontext überhaupt von Religion, Gottheiten etc. gesprochen werden kann.
/>
/>Gruss, vitom
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LaChatte

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Re: Fremde Religion
« Antwort #7 am: 30. September 2008, 18:31 »
Hallo McClaudia
/>
/>ich muss sagen, ich konnte noch nie nachvollziehen, warum es überhaupt wichtig sein sollte, so etwas wie eine *hiesige Originalreligion* festzulegen und diese dann von *fremden Einflüssen* zu reinigen. Das mag für HistorikerInnen interessant sein, aber für die persönliche religiöse Praxis...?
/>
/>nö. Und ich glaub, hierzulande haben sich durchaus auch schon ein paar christliche Heilige gut eingebürgert, sodass sie mit Recht hiesige BürgerInnen geworden sind.
/>
/>grüsse, barbara