Autor Thema: Teamwork oder Gewaltentrennung  (Gelesen 6449 mal)

Werner

  • WurzelWerk GastAutor/in
  • **
  • Beiträge: 1948
  • Geschlecht: Männlich
Re: Teamwork oder Gewaltentrennung
« Antwort #16 am: 06. August 2004, 03:24 »
Hallo alle

Ich bin - wie Gwynnin - der Meinung, dass man erst dann von Teamarbeit sprechen kann, wenn man eine Sache gemeinsam macht, also z.B. zusammen kocht.

Wenn man - wie Micha sagt - sich abwechselt in der Regie, dann ist das schon kein richtiges Zusammenarbeiten von PARTNERN mehr. Dann ist nämlich einer der Macher. Und hier an diesem Beispiel kommt ganz deutlich zum Vorschein, dass wir auf Konkurrenz ausgerichtet sind. Auf die Frage: Wer kann was besser?! Und auch: Wer schafft an!?

Erst wenn wir dieses Konkurrenzdenken aufhören, dann stellt sich ein Teamwork ein und eine echte Partnerschaft beginnt.
Dieses Beispiel zeigt mir wieder einmal sehr deutlich, dass unsere Probleme nicht oberflächlich zu lösen sind. Nicht durch Abmachungen, wer was und wie man was macht. Wir müssen die Prägungen unserer Gesellschaft aufbrechen, überwinden. Das ist die Hauptaufgabe der Zukunft, sofern wir noch eine haben.
Ob wir noch eine Zukunft haben, das wird daran festgemacht sein, ob wir uns weiterhin zerfleischen, streiten, endlos mürbe machen, oder ob wir lernen, dass wir nur überleben können, wenn wir - wie unsere Vorfahren vor tausenden von Jahren - wieder lernen, zusammen zu arbeiten und dann auch zusammen zu leben. Und dann werden wir tiefe Befriedigung und Glück empfinden.
Dass ein Konkurrenzdenken nicht nur in den Mann/Frau-Beziehungen überwunden werden muss, sondern generell im Alltag und im Berufsleben, das ist selbstverständlich keine Frage. Das Leben wäre von Grund auf anders. Aber wir müssen irgendwo anfangen. Und ich meine: Bei uns und in unseren Beziehungen. Und als weitere Folge bei der Erziehung unserer Kinder. Das wäre mal die Basis. Das andere käme dann vielleicht sogar von selbst.
Als schrittweises Vorgehen sehe ich es also so:
1. Beziehungen konkurrenzfrei machen
2. Die Kinder so erziehen, dass sie nicht immer besser sein wollen oder sollen
3. Die gemachten Erfahrungen und die daraus resultierenden Verhaltensweisen werden sich dann auf das Berufsleben auswirken.

Liebe Grüße
Werner
Ich weiss, dass ich nicht weiss (Sokrates)

Micha

  • Gast
uuuh, neee!
« Antwort #17 am: 06. August 2004, 15:22 »
Lieber Werner, entschiedener Protest meinerseits! :)

1.

W a s du, Gwynnin, ich, oder sonst eine/r als T e a m w o r k empfinden, muss nicht unbedingt das Gleiche sein und sollte daher ein wenig relativiert werden. Für mich bedeutet Teamwork - wie eingangs schon mal gesagt - eine Form der Zusammenarbeit, bei der auch Arbeitsteilung eine große Rolle spielt! Jeder hat seine Talente und Fähigkeiten, und ich habe nicht den Anspruch, alles gleich gut zu können, wie mein Mitarbeiter, meine Freundin usw.

Wenn ich beruflich oder privat in einem Team arbeite, und alle wollen den gleichen Part gemeinsam machen, dann ist das im Endeffekt kontraproduktiv. Arbeitsteilung, Aufgabenteilung gehört zum Teamwork - nach meiner Definition - dazu! Und sie macht die Arbeit eines Teams weitaus effektiver! Und macht das Lebe jedem Einzelnen auch einfacher, schafft Lebensqualität.

2.

Wenn ich mit meiner Partnerin gemeinsam koche, und wir handhaben das so, dass manchmal SIE die Regie führt und ich insbesondere Gemüse schnippsle, und ein andermal ICH Regie führe, und sie Gemüse schnippselt, dann hat das - bitteschön... - rein gar nichts mit Konkurrenz zu tun! Es macht das gemeinsame Kochen einfach erheblich angenehmer, als wenn jeder die Nudeln einzeln auf "al dente" prüfen muss (kann man zwar auch mal machen, so nach dem Motto "wie findest du´s?", muss man aber nicht zwangsweise).

"Zu viele Köche verderben den Brei." Und warum sollte ich mir nicht den Luxus gönnen, einfach auch mal die Regie abzugeben und die notwendigen Handlungen delegieren zu lassen. Und das andere Mal andersrum.
Klappt bei uns reibungslos. Und der Clou dabei ist ja gerade der, dass der eine Partner den anderen einfach so schalten und walten lässt, wie dieser möchte und wie dieser es für richtig hält. Und das andere Mal anderstum. Na, wen d a s Konkurrenz sein soll, weiß ich aber auch nicht....

Mit dieser Interpretation kann ich jetzt aber gar nix anfangen! Konkurrenz wär´s allenfalls d a n n, wenn wir zwei beide (also meine Freundin und ich) es nötig hätten, jedesmal rumzusteiten, wer denn heute wieder Regie führen darf oder muss.

Im Übrigen kann´s bei uns natürlich auch mal Koch-Situationen geben, wo man sich ohne Regie-Zuweisung die Aufgaben aufteilt; beispielsweise bei einem kniffligen Rezept, da sind dann halt mal beide gefordert, das Rezept genau zu studieren, damit alles klappt... Aber man muss das eben nicht i m m e r so handhaben.

Deine Interpretation unseres Koch-Verhaltens könnte ich ja fast schon umdrehen und sagen, es sei schon ein bisschen zwanghaft, wenn man sich nicht auf Regie und Delegationen einlassen könnte und bloß drauf achten müsse, dass jeder immer exakt gleichberechtigt sei...

Nee, lieber Werner, diesmal haben wir eine schwer unterschiedliche Sichtweise. Und ich sehe wahrlich auch keinen Anlass, dass ich mir bezüglich meiner Partnerschaft aufgrund unseres Kochverhaltens Gedanken machen müsste, um eine vermeintliche "Konkurrenz" zu überwinden"... Im Gegenteil: Ich bin - offenbar im Gegensatz zu dir - der Ansicht, dass sie und ich gerade im Sektor "gemeinsames Kochen" die Dinge ziemlich gut und entspannt regeln. Und ich empfinde meine Partnerschaft überhaupt als eine ziemlich Konkurrenz-freie... (Hab´s auch schon anders erlebt, was weniger schön war.) :D

3.

Offensichtlich müssen wir hier schon etwas behutsamer überlegen, w a s wir als negativ zu wertendes und was als positiv zu wertendes Zusammen-Handeln verstehen. Die Wertung ist augenscheinlich ziemlich subjektiv, und die persönlichen Sichtweisen gehen auseinander. Und darüber hinaus ist es bestimmt ein wenig problematisch, wenn ich das Zusammenleben und Handeln anderer Menschen bewerte und dabei von einem Aspekt (Koch-Regie...) auf eine umfassende Konkurrenz-Problematik schließe.  

4.

Generell kann ich dir ja zustimmen, dass ein Konkurrenz-Denken in vielen Bereichen des Lebens (und Wirtschaftens usw.) negative Auswirkungen hat. Nur halt, WO wir dieses Konkurrenz-Denken zu erkennen glauben, da gehen unsere Wahrnehmungen offensichtlich auseinander.

Bis zum nächsten Mal.
Liebe Grüße,
Micha. :)





« Letzte Änderung: 06. August 2004, 18:05 von Micha »

Werner

  • WurzelWerk GastAutor/in
  • **
  • Beiträge: 1948
  • Geschlecht: Männlich
Re: Teamwork oder Gewaltentrennung
« Antwort #18 am: 07. August 2004, 03:45 »
Hallo Micha

Ich nehme mal an, dass du mich sehr entschieden falsch verstanden hast. Das mag ja auch an mir liegen und es kann sein, dass ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt habe. Jedoch sprichst du immer wieder von "Regie führen" und das ist doch eindeutig so, dass du damit meinst, dass einer von euch beiden das Sagen hat. Der andere also das tut, was der andere für richtig hält. Und genau das, so sehe ich es, ist nicht die wahre Teamarbeit.

Ich war 11 Jahre Chef für 300 Leute. Ich war zwar derjenige, der letzten Endes die Entscheidung treffen mußte und die letzte Verantwortung hatte. Und ich war auch derjenige, der infolge meiner Postition den größten Einblick in den gesamten Betrieb hatte. Trotzdem versuchte ich so weit wie möglich, alle Mitarbeiter mit in die Planung einzubeziehen. Jeder hatte in seinem Gebiet die volle Autorität. Durch diese Betreibsführung hatten wir sehr zufriedene Mitarbeiten. Das Betriebsklima hätte nicht besser sein können. Also, ich habe bewiesen, dass es funktioniert!

Konkurrenzloses Arbeiten heißt nicht, dass man ALLES gemeinsam macht. Das geht ja gar nicht. Wie kann der LKW-Fahrer die Buchhaltung machen? Aber jeder ist gleichberechtigt und jeder sollte seine Aufgabe im Sinne der Gemeinschaft erledigen. Nicht deshalb, weil er gut dastehen will. Oder weil er derjenige sein will, der alles besser weiss (also Dominanzverhalten).
Beim Kochen ist es natürlich so, dass nicht jeder das Gemüse schneidet. Aber wer das Gemüse schneidet, der hat in dieser Arbeit die volle Autorität. Das kannst heute du und morgen sie sein. Das verstehe ich unter einer Arbeit ohne Konkurrenzdenken.
Und wenn du der Bessere bist im Gemüseschneiden, dann wird es sicher zweckmässig sein, wenn du meistens oder sogar immer das Gemüse schneidest. Aber das Gemüseschneiden sollte weder eine wichtigere noch eine weniger wichtige Arbeit sein. Das ist nach meiner Meinung die einzige Möglichkeit, Konkorrenzdenken auszuschalten. Nicht die Frage, wer macht was.

Als ich vor 16 Jahren nach Neuseeland kam, erlebte ich das hier sehr eindrucksvoll. Denn die Neuseeländer sind weitaus weniger auf Konkurrenz aus als die Deutschen.
Wir waren an unserem ersten Weihnachten auf einer Christmasparty der Gemeinde. Es wurde getanzt und alle Tische waren weggeräumt. Als alle genug getanzt hatten und die Band müde und hungrig war, sagte der Bandleader: What's about dinner?
Daraufhin standen alle auf, jeder half mit, die Tische hereinzubringen, die Stühle zu ordnen, die Tische zu decken und das Esseh hereinzuholen (jeder bringt hier etwas mit, es gibt keine Bedieung, das Essen wird auf den Tich gestellt und jeder bedient sich selbst). Was mich verblüffte: Niemand schaffte an, niemand schrie herum, was jetzt hier oder dort gemacht werden müsse. Jeder tat was und in weniger als 10 Minuten war alles fertig (es war eine Riesenparty mit mindesten 100 Menschen). Das nenne ich Teamarbeit: Jeder tut das, was er kann und was er sieht, dass es getan werden muss. Es braucht keinen Chef, es braucht niemand, der Regie führt.
Sicherlich, in einem Betrieb geht es nicht ganz so ohne Chef. Aber der Chef könnte viel weniger in Erscheinung treten. Und in einer Partnerschaft oder Ehe, da braucht es schon gleich gar keinen Chef. Da sollte alles auf Absprache hin geschehen. Und vieles braucht man dann bald gar nicht mehr absprechen, weil jeder das tut, was richtig und wichtig ist.

Ich hoffe, du hast mich nun ein wenig besser verstanden.

Liebe Grüße
Werner
Ich weiss, dass ich nicht weiss (Sokrates)

Micha

  • Gast
fair play machts leicht...
« Antwort #19 am: 07. August 2004, 12:24 »
Hallo Werner.  



Ich verstehe dich schon. Nur denke ich, dass du aufgrund meiner Beschreibungen nicht beurteilen kannst, ob in unserem Koch- und Partnerschaftsverhalten eine Konkurrenz besteht oder nicht.  

Werner schrieb:
"Jedoch sprichst du immer wieder von "Regie führen" und das ist doch eindeutig so, dass du damit meinst, dass einer von euch beiden das Sagen hat. Der andere also das tut, was der andere für richtig hält. Und genau das, so sehe ich es, ist nicht die wahre Teamarbeit."

Meine Ausdrucksweise "Regie führen" ist für dich offenbar ein Signal und du interpretierst:  

Werner schrieb:  
"Wenn man - wie Micha sagt - sich abwechselt in der Regie, dann ist das schon kein richtiges Zusammenarbeiten von PARTNERN mehr. Dann ist nämlich einer der Macher. Und hier an diesem Beispiel kommt ganz deutlich zum Vorschein, dass wir auf Konkurrenz ausgerichtet sind."  

Naja, was soll ich da sagen? Ich finde es - bei aller Sympathie - recht unangemessen, in mein Partnerschaftsleben eine Konkurrenz rein zu interpretieren, die ich selbst eben nicht wahrnehme. Ganz einfach. Ich hoffe, du verstehst mich jetzt besser.  



Ich habe ja auch ausführlich beschrieben (siehe oben), wie ich persönlich mir eine Teamarbeit vorstellen kann. Wie ich mir eine effektive Arbeitsteilung vorstellen kann. Dass diese für mich auch eine Form von Lebensqualität sprich Entspannung ermöglicht. - Wenn ich immer die Angst haben müsste, meine Eigenmacht zu verlieren, sobald ich einmal in die Rolle des Ausführenden trete, dann würde ich das als sehr angespannt empfinden. - Bitte beziehe meine Ansichten zur Teamarbeit auch in die Diskussion mit ein.  

Ich muss nicht jede Aufgabe selbst machen, muss nicht immer an jeder Entscheidung beteiligt sein. Wenn es unter Partnern (privat und geschäftlich) f a i r zugeht, dann kann ich mich sehr gut darauf einlassen, auch mal - natürlich nicht immer - Autorität abzugeben! Nährboden für die M ö g l i c h k e i t, Autorität abzugeben, ist ein entspanntes, konkurrenzloses Verhältnis unter Menschen.

Allein Begriffe wie "Regie führen" und "Delegieren" sind noch keine Anzeichen für Konkurrenz oder ungleichberechtigtes Verhalten. Es kommt vielmehr darauf an, was dahinter steckt. Hat einer einen Machtanspruch und will deshalb Regie führen, dann ist es eine Hierarchie, die zu Lasten anderer Mitarbeiter bestehen kann. Wenn sich aber Partner (privat oder geschäftlich) darauf verständigen, dass der Eine diesmal die "Regie führt", ein anderes Mal der Andere, dann kann das effektiv und sehr entspannt sein.



Nur dann, wenn im Verhältnis zwischen Partnern (privat und geschäftlich) einiges faul ist, dann bin ich der Erste, der aufmerksam und rebellisch wird. Beispielsweise wenn ich spüre und beobachte, dass ein Mitarbeiter (oder meine Partnerin) nur drauf aus wäre, seine/ihre eigenen Vorstellungen "durchzudrücken". Und das kann sehr, sehr subtil geschehen!  

Manche Zeitgenossen sind schwer bemüht, immer die Schnüre in der Hand zu halten, treten aber nach außen als vermeintlich zurückhaltende, bescheidene Menschen in Erscheinung. - Kenne ich gut, habe ich im Arbeitsleben schon einige Male erlebt. Und wenn man irgendwann merkt, dass die Einbeziehung der Mitarbeiter nur als eine Art "Alibi", also pro forma läuft, und wenn man im Grunde keine faire Chance erhält, die eigenen Ideen gleichberechtigt einzubringen, dann reagiere ich ziemlich angenervt. Vor allem dann, wenn diese Form der Autorität unter dem Deckmäntelchen der gleichberechtigten Zusammenarbeit funktioniert.  

Um mögliche Missverständnisse abzuwenden: Dies beinhaltet k e i n e r l e i Anspielungen auf deinen beschriebenen Führungsstil. Ich beschreibe nur, was ich selbst im Rahmen meiner Arbeit hie und da erlebt habe (und was im Übrigen höchst demotivierend war!).  

Es handlet sich dabei um Formen der Unterdrückung, bei denen Begriffe wie "Regie führen" erst gar nicht fallen würden, sondern mit fadenscheinigen Ausdrucksweisen wie "Der Vorschlag des Herrn ... wird erst einmal zurück gestellt" ( = ist abgelehnt) usw. gearbeitet wird.  




Fazit:
1. Zeitweiser und freiwilliger Autoritätsverlust sowie Verteilung von Aufgaben ist noch längst k e i n Anzeichen für Konkurrenz!
2. Es gibt offenbar auch sehr subtile Formen der Unterdrückung.  



Jetzt noch kurz zu deinen Erfahrungen mit deinem beschriebenen Führungsstil:  
Ich pflichte dir soweit bei, dass ich es für sehr wichtig halte, einem Mitarbeiter mit der Haltung zu begegnen: "Das, was du machst, das kannst du am allerbesten beurteilen, da will ich dir gar nicht rein reden." Auch das ist eindeutig eine Form des Delegierens. Und es hat etwas mit Vertrauen zu tun.

Andererseits setzt es natürlich voraus, dass dein Mitarbeiter seine Arbeit wirklich auch gut macht. Schwierig wird es, wenn du als Teamleiter einem Mitarbeiter verklickern musst, dass etwas doch nicht so ganz stimmt. Das ist eine knifflige Aufgabe, weil Kritik ja oft schnell negativ verstanden wird. Und dabei kann es sehr schnell zu einer konfliktträchtigen Situation zwischen einer Leitungsposition und einer Mitarbeiterposition kommen.  

Fazit:  
Auch in einer Führungsposition ist man sehr stark gefordert, einerseits vertrauensvoll Aufgaben zu delegieren (also zu verteilen), andererseits auch konstruktive Kritik anzubringen bzw. eine klare Haltung zu beziehen, wenn eine Aufgabe mit deutlichen Schwachpunkten ausgeführt wird. - Vielleicht hattest du ja großes Glück mit deinen Mitarbeitern. Es kann auch anders laufen, und dann ist der, der gerade eine Teamleitungs-Position inne hat, eben auch sehr gefordert - auf der Kommunikationsebene usw.



Sowiet für heute,
bis dann,  
liebe Grüße,  
Micha.  
« Letzte Änderung: 07. August 2004, 12:38 von Micha »

Werner

  • WurzelWerk GastAutor/in
  • **
  • Beiträge: 1948
  • Geschlecht: Männlich
Re: Teamwork oder Gewaltentrennung
« Antwort #20 am: 08. August 2004, 05:08 »
Hallo Micha

Ich fange mal unten an bei deinem Posting.
Was du hier sagst, das stimmt absolut. Die Position des Chefs ist mit Sicherheit die schwierigste in einem Betrieb. Ich war nach 11 Jahren total ausgelaugt und auch das ist ein Grund, dass ich heute mein so ganz anderes Leben sehr geniesse. Nicht, dass mir die Arbeit in Regensburg keine Freude bereitet hätte. Sie war nur extrem fordernd und es blieb fast keine Kraft mehr übrig für was anderes. Ein Buch hätte ich damals nicht schreiben können!
Du hast auch Recht, dass die schwierigen Fälle immer dann auftreten, wenn man mal Kritik anbringen muss oder noch schlimmer, wenn man sich von einem Mitarbeiter trennen muss, weil er oder sie sich nicht in das Team eingliedern können oder wollen oder auch, weil sie nicht kompetent genug für ihre Aufgabe sind. Solche Fälle kamen leider vor. Aber mit ein wenig Menschlichkeit kann man auch das lösen. Bei so einem großen Betrieb und bei 11 Jahren kann man wohl nicht von Glück sprechen. Glück höchstens insofern, dass mir immer wieder einfiel, wie ich die Probleme lösen konnte. Soweit zu meiner Erfahrung auf diesem Gebiet.

Nun zu dem "Regie führen".
Lieber Micha, ich schätze dich sehr und finde deine Beiträge immer sehr interessant und sie führen uns weiter. Sollte ich etwas geschrieben haben, was du als Fernbeurteilung deiner persönlichen Partnerschaft wertest, dann möchte ich dir sagen, dass es so nicht gemeint war.
Du hast den Begriff "Regie führen" verwendet und der ist für mich eindeutig so, wie ich es in meinem Posting dann zum Ausdruck brachte. Ich weiss nicht, ob das nun meine "Schuld" ist, dass ich diesen Ausdruck in meiner Weise interpretiere. Mit Worten und Begriffen ist das ja immer so ein Problem. Für viele Begriffe gibt es keine eindeutigen Definitionen und verschiedene Menschen definieren die Begriffe eben dann in ihrer Weise und ein anderer meint was anderes. So können Konflikte entstehen.

Nachdem du in deinem letzten Posting zweimal davon schreibst, dass du ein zeitweiliger Autoritätsverlust kein Anzeichen für ein Konkurrenzverhalten ist, möchte ich mal annehmen, dass wir im Grunde genommen das Gleiche meinen. Aber auch hier kommt schon wieder das Problem mit den Worten! Wenn du nämlich von Autoritätsverlust (betone: Verlust!) sprichst, dann muss ja vorher Autorität da gewesen sein. Und wenn ich Autorität höre, dann klingelt es gleich wieder in meinem Hirn und sagt: Hoppla, da ist ja doch wieder die Konkurrenz! Ich meine nämlich, dass man Autorität auch dann hat, wenn man eine Aufgabe abgibt. Autorität hat mit Aufgaben oder mit dem Erledigen von Aufgaben nichts zu tun.
Vielleicht denken wir hier tatsächlich anders. Vielleicht auch nicht.

Wenn du in deiner Partnerschaft gut zurecht kommst, dann ist ja das für dich die Hauptsache.

Für mich mag das anders aussehen. Für mich gibt es in einer Partnerschaft niemand, der Regie führt. Es kann zwar in Teilbereichen sein, aber selbst hier sprechen wir uns immer wieder ab. Dazu ein Beispiel:
Ich plane weitgehend die Landwirtschaft, meine Frau macht den Haushalt. Typische Mann-Frau-Einteilung natürlich, aber für uns hat sich das bewährt, weil jeder das macht, was er am besten kann. Aber nun kommt der maßgebliche Punkt, auf den wir sehr Wert legen: Keiner schließt den anderen aus in seinen Entscheidungen. Auch wenn ich plane, so kann meine Frau Anregungen geben und oft lenkt sie meine Pläne um. Wenn ich ein neues Feld anlegen will, dann werde ich das mit ihr besprechen. Und sie wird das vielleicht gut finden oder auch Einwände haben. Wenn es Einwände gibt, dann sprechen wir diese durch. Was dabei heraus kommt, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Wir wägen ab und entscheiden dann zusammen. Und für ihren Bereich gilt dasselbe. Sie würde nie etwas tun, ohne mich zu informieren und auch auf meine Meinung hören. Und auch sie wird dann ihre Pläne ändern, wenn wir dies zusammen ausgearbeitet haben. Klingt jetzt vielleicht ein wenig mühsam und langwierig, ist es aber nicht in der Praxis.

Vielleicht ist ja bei dir ebenso und die hast nur andere Worte gebraucht. Wenn es aber anders ist und es klappt ausgezeichnet, dann ist für dich und deine Partnerin dieser Weg richtig.
Ich glaube aber immer noch, dass wir im Grunde genommen doch dasselbe meinen.

Und nochmals meine Bitte: Denke nicht, dass ich deine Beziehung beurteile. Ich beurteilte nur, was ich aus deinen Worten herauslesen konnte. Wenn das falsch war, dann bitte ich dich um Entschuldigung.

Liebe Grüße
Werner
Ich weiss, dass ich nicht weiss (Sokrates)

Werner

  • WurzelWerk GastAutor/in
  • **
  • Beiträge: 1948
  • Geschlecht: Männlich
Re: Teamwork oder Gewaltentrennung
« Antwort #21 am: 08. August 2004, 08:02 »
Hallo Micha

Ich hab mir die Sache mit der "Regie führen" nochmals durch den Kopf gehen lassen und schreibe dir deshalb nochmals.

Weißt du, jeder Mensch lebt doch wohl in seiner Welt. Und diese unsere kleine - oder auch etwas größere - Welt ist immer irgendwo begrenzt. Und zu unserer Welt gehören auch unsere Ausdrücke, Begriffe, Worte. Unsere Ausdrucksweise ist somit oft ein wenig anders als die von anderen.

Mein Verständnis von "Regie führen" ist: anschaffen, bestimmen. Und das ist für mich gleichzeitig das Konkurrenzdenken.
Wahrscheinlich meinst du mit "Regie führen" was ganz anderes und dieses "andere" ist dann wahrscheinlich nicht das Bestimmen und somit nicht Konkurrenzdenken.

Wie ich oben sagte, jeder Mensch denkt anders und drückt sich anders aus. Wenn zwei Menschen zusammen kommen, die sich gut verstehen, dann liegt es in erster Linie daran, dass sie gleiche oder doch ähnliche Worte und Begriffe benutzen, sich also tatsächlich in den Worten und Begriffen "verstehen".
Bisher hatte ich immer den Eindruck, dass wir uns in diesem Sinne gut verstehen. Aber trotz allem guten Verstehen kann es offensichtlich vorkommen, dass in dem und jenem Begriff oder Gedanken Mißverständnisse vorkommen. Sie auszuräumen, das sollte ein wichtiges Anliegen sein. Denn dann können wir uns wieder verstehen und das ist doch wirklich eine schöne Sache.

Ich hoffe also, dass wir uns weiterhin gut verstehen werden, auch wenn vielleicht gelegentlich mal eine kleine Korrektur notwendig wird.

Liebe Grüße und noch einen schönen Sonntag
Werner
Ich weiss, dass ich nicht weiss (Sokrates)

Micha

  • Gast
Re: Teamwork oder Gewaltentrennung
« Antwort #22 am: 09. August 2004, 21:41 »
Hallo Werner,

ich habe überhaupt keine Bedenken, dass wir uns nicht weiter v e r s t e h e n würden. Mal mehr und mal weniger, mal besser, vielleicht auch mal nicht. So ist das Leben. Und wenn wir bei teilweisen Unverständnissen im Umgang mit Menschen gleich ein größeres Problem sehen würden, hätten wir - so erlebe ich das - ja mit jedem Menschen arge Probleme. Unverständnisse kommen auch mal vor, und manche können auch nicht immer ausgeräumt werden. Dann ist man halt auch gefordert, das so zu nehmen, wie es halt mal ist. Kurz: Man muss ja nicht immer einer Meinung sein. Also, keine Sorge. - Was du über die "Begriffe" und deren Inhalte schreibst, da...

...denke, ich, dass du den Nagel auf den Kopf triffst. Jeder hat so seine Vorstellungen zu bestimmten Begriffen. Und der gleiche Begriff kann, von zwei Menschen benutzt, unterschiedliche Inhalte evozieren und unterschiedliche Botschaften liefern. Und manchmal ist es wirklich auch notwendig, dass man bei einem Konflikt die gesagten Begriffe genau analysiert, um entstandene Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.

Nun, in bezug auf die Regie und die Autorität usw. könnten wir das jetzt auch tun. Du hast ja auch schon einige interessante Dinge dazu gesagt. Und ich nehme das auch zur Kenntnis und verstehe, dass für dich "Regie" zum Beispiel anders besetzt ist als für mich. Ich möchte jetzt trotzdem nicht allzu tief einsteigen mit der Analyse, was ich unter genannten Begriffen genau verstehe.

Hinzu kommt ja auch noch die Ausdrucksweise (ironische Anflüge usw.), die unterschiedlich sein kann. Ich habe "Regie führen" vielleicht mit einem kleinen zwinkernden Auge geschrieben, hätte vielleicht auch sachlicher oder "milder" formulieren können. Oder einfach konkreter aus dem Leben gegriffen, etwa so:
>> Meine Partnerin und ich verständigen uns manchmal darauf, dass wir heuer nicht gemeinschaftlich kochen, somdern dass sie resp. ich auch mal sagen:
"Hey, heute möchte ich gerne mal ein neues Rezept ausprobieren."
Ich: "Klar, mach das. Sag mir einfach, was ich schnippseln soll, dann helf ich dir dabei ein wenig."
"Okay, Baby, dann greif dir doch mal die Zwiebeln.."
usw. Ja, und trotzdem erleben wir den Kochabend vielleicht als Teamwork, weil wir uns einfach auf die Aufgabenverteilung verständigt haben. <<

Also, vielleicht (?) hätte ich damit weniger das "Regie"-Knöpfchen bei dir gedrückt resp. mich klarar ausgedrückt. Oder auch nicht. Wie auch immer: Ich habe nicht den Eindruck, dass wir beide ein schwerwiegendes Unverständnis haben!

Well.

Allgemein vermute ich, dass du mit deiner Partnerin intensiver gemeinsame Entscheidungen und Handlungen pflegst, als ich das mit der Meinigen pflege. Aber - auch auf diesem Feld gibt es ja viele Nuancen, und wir müssen das ja nicht alle gleich handhaben. Dazu kommt, dass sie und ich unsere jeweils eigenen Haushalte haben, und schon von daher haben wir - also du und ich - ja völlig unterschiedliche Grundlagen.

Ach ja, was du über die Autorität schreibst, das wäre sicherlich interessant, etwas weiter zu analysieren. Wo beginnt die "Autorität", wo hört sie auf. Hat "Autorität" was mit Macht, was mit Eigenmacht zu tun? Oder auch mit Machtgehabe, mit dem man andere unterdrücken will / kann? Oder ist "Autorität" im Grunde genommen lediglich die personale Eigenständigkeit, die jeder Mensch - so denke ich - bei aller Gemeinschaft doch auch behalten sollte ? ! ?

Der Begriff eröffnet zum Thema "Teamwork oder Gewaltentrennung" sicherlich ganz wesentliche Fragen und Diskussionszweige, die hier noch gar nicht angesprochen wurden.

Nur.. ich werde jetzt (a) noch etwas ganz anderes tippen und (b) dann kochen - ich und für mich und allein! - Hab nämlich Hunger!!

Tschüss, liebe Grüße, Micha.


Micha

  • Gast
Re: Teamwork oder Gewaltentrennung
« Antwort #23 am: 09. August 2004, 21:43 »
PS: Äääähm, ach ja, und falls hier noch jemand Anderes außer Werner und mir etwas zum Thema sagen wollen sollte... dann möge er sich bitteschön nicht durch unseren vertraulichen Dialog abhalten lassen!!  

;)  Micha.

Manege frei......!!